Botschafterin 2005

Jutta Stobbe

 

Laudatio: Frau Jutta Stobbe

Sehr geehrte, liebe Jutta Stobbe,

in der Küche der Diskothek „Hechelei" waren alle um Sie versammelt: Studentinnen, der Me-dienwart, Pädagogen, ein Kellner des Hauses, und Sie heizten ordentlich ein. Das war am Herd. Ein Kochkurs sollte für das Fernsehen nachgestellt werden, den Sie leiteten, so wie es in Ihrem Alltag immer wieder vorkam. Vor laufender Kamera wurde geschnippelt und gebraten. Sie schrieben an der Tafel die Zutaten auf, und da war plötzlich ein Fehler und da und da.  An der Tafel zu stehen und Fehler zu machen, ist ein Albtraum für viele, wenn sie an die Schulzeit denken. So war es auch in Ihrer Schulzeit. Einmal schlecht, immer schlecht? Hilfe fehlte. Die Eltern hatten Arbeit, aber keine Zeit. Sie haben sich trotzdem durchgeschlagen. Als Hauswirtschafterin haben Sie angefangen. Aber schreiben muss man auch in dem Beruf, den man im Praktischen gut kann. So gingen Sie in einen VHS-Kurs, um die Fehler loszuwerden. Und schon da flammten Mut und Leidenschaft auf. Der Mut, auch in den Medien die Wahrheit zu sagen, im Radio, erst lokal, dann überregional. Zeitgleich ihre Leidenschaft für den Beruf. Sie machten Ihren Meister - und zwar mit Bravour. Das Fernsehen, das wollte Sie haben, und Sie waren mutig, wie immer. Telefoninterviews, Zeitungsberichte, die kann man nicht mehr zählen. Viele Anrufe von Journalisten beim Bundesverband Alphabetisierung mit der Frage nach einer „echten" Teilnehmerin, die landeten bei Ihnen. Wer hat schon den Mut, bundesweit in Sendungen aufzutreten mit hohen Einschaltquoten? Ruhig und besonnen sagen Sie immer wieder, wie es kommt, wie es ist, die Schrift zu fürchten, die an jeder Ecke lauert im Leben.

Ihre Söhne sind groß und gut geraten. Sie selbst sind inzwischen Lehrerin. Viele Ihrer Schü-lerinnen haben Probleme mit der Schrift. Wie gut, dass Sie ihre Lehrerin sind. Dann braucht es diese Angst an der Tafel nicht zu geben. Immer noch sind Sie Anwältin für Analphabeten: im Rundfunk, im Fernsehen, in Frauenzeitschriften, und jetzt in dem neuen Projekt von BR alpha; Sie sind wieder dabei und machen Anderen Mut.

In der Jury waren Sie nun auch schon zum zweiten Mal, beim Schreibwettbewerb für Anal-phabeten. In nur 2 Jahren haben Sie über 700 Texte gelesen von Menschen mit Schreib-problemen. Auch so setzen Sie sich ein für das Recht auf Schreiben, für alle.

Ihr Leben, Frau Stobbe ist Leidenschaft und Mut - nicht nur für sich. Nein, immer auch für die Anderen. Es bewegt mich sehr, gerade Sie hier auszuzeichnen. Denn als ich noch selbst unterrichtet habe, da waren Sie meine Schülerin, verschüchtert und bang. Damals, vor rund 15 Jahren. Jutta ich freue mich, dass ich die Ehre haben darf, dich hier und heute zur Bot-schafterin für Alphabetisierung auszuzeichnen. Auch ich bin gewachsen an dir! Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert