Das Verbundvorhaben Vorstudie zur Ermittlung der Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland wurde vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn – bei dem die Verbundleitung lag – und dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (GESIS-ZUMA) in Mannheim durchgeführt. Es war Teil des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Bereich "Grundlagen der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit mit Erwachsenen". Das Teilprojekt konzentrierte sich auf die Bestandsaufnahme in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz.
Im Projektvorhaben wurden empirische Studien zur Schriftsprach- Beherrschung und zur Grundbildung von Erwachsenen recherchiert und ausgewertet, vor allem in Hinblick auf übertragbare Ansätze für eine in Deutschland durchzuführende Hauptstudie.
Aufgrund dieser Zusammenschau wurde Methoden, Instrumente und Kennzahlen empfohlen, mit denen sich erstmals für Deutsch- land der Begriff funktionaler Analphabetismus und die damit verbundenen Fähigkeiten im Lesen und Schreiben konkretisieren lassen.
Auf Basis einer Befragung von Lernenden und noch zu bestimmen- den Bevölkerungsgruppen mit vermutlich geringer Grundbildung wurde die Ermittlung vorhandener schriftsprachlicher Kompetenzen getestet.
Das Projekt entwickelte Erhebungsinstrumente, erprobte Anspracheformen und unterbreitete Vorschläge, die für die Durchführung einer Hauptstudie richtungsweisend sind.
Vor einigen Jahren hat der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. eine Schätzung vorgenommen, nach der in Deutschland vier Millionen Erwachsene zu den funktionalen Analphabeten gezählt werden müssen. Diese Schätzung bezieht sich auf Erwachsene, die ihre gesamte Schulzeit in Deutschland absol- viert haben. Verlässliche Zahlen, die auf einer empirischen Studie beruhen, liegen nicht vor. Empirische Studien wie PISA oder auch IALS (International Adult Literacy Survey = Internationale Untersuchung von Grundqualifikationen Erwachsener) bieten wichtige Teilerkenntnisse, sind aber nicht ausreichend.
Derzeit gibt es keine verlässlichen Daten über die Bevölkerungs- gruppe von Erwachsenen mit geringer Grundbildung. Insbesondere fehlen Erkenntnisse in Bezug auf Schreibkenntnisse. Solche Daten sind jedoch unabdingbar, um begründete Entscheidungen für den Aus- und Umbau der Grundbildungsangebote in Deutschland zu treffen.
1 | Ermittlung von Methoden und Entwicklung von Erhebungsinstru- menten, mit denen sich die Bevölkerungsgruppe von Erwachsenen in Deutschland mit geringer Grundbildung beschreiben und quantitativ erfassen lässt. 2 | Entwicklung von Handlungsempfehlungen für die Durchführung einer Hauptstudie in Deutschland.
1 | Recherche von in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz durchgeführten, empirischen Studien zur Beherrschung der Schriftsprache.
2 | Vergleich und Bewertung dieser Studien in puncto - Untersuchungsdesign (Definition, Fragestellung, Methode, Zielgruppe/Stichprobe, Indikatoren, Ergebnis), - Akzeptanz (NutzerInnen, Bildungseinrichtungen und Politik), - Erkenntnisgewinn sowie - Implikationenfür die Angebote im Bereich der Grundbildung/Alphabetisierung.
3 | Identifizierung von Best-Practice-Modellen und Test ihrer Übertragbarkeit auf Deutschland.
4 | Ergänzung dieser Auswertung durch Experteninterviews.
5 | Vorbereitung und Durchführung qualitativer Interviews mit KursteilnehmerInnen in Kooperation mit GESIS-ZUMA.
Ziel ist die Ermittlung der Lese- und Schreibkenntnisse sowie die subjektive Einschätzung der eigenen Kompetenzen. Aufgaben des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. sind insbesondere die - Gewinnung von Institutionen für die Mitarbeit (Feldzugang), - Erprobung von Testinstrumenten sowie - Organisation und Durchführung eines Pretests.
Ausgewählte Personen mit geringer Grundbildung werden befragt, ob sie von Grundbildungsangeboten wissen und warum sie nicht daran teilnehmen. Dabei sollen auch neue Anspracheformen erprobt werden.
Die KursteilnehmerInnen in Alphabetisierungskursen hingegen werden dazu befragt, welche Gründe sie zum Lernen motiviert haben. Daraus ergeben sich Konsequenzen für neue Bildungsangebote und für die Bildungswerbung.
Jeantheau, Jean-Pierre: "Low levels of literacy in France. First results from IVQ survey 2004/05 – focus on the ANLCI module." | In: Knabe, Ferdinande, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (Hrsg.), S. 41-58 | Münster 2007.
Knabe, Ferdinande: "Wissenschaft und Praxis in der Alphabetisierung und Grundbildung." | Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (Hrsg.) | Münster / New York / München / Berlin, Waxmann 2007.
Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) Statistics Canada (Hrsg.): "Grundqualifikationen, Wirtschaft und Gesellschaft. Ergebnisse der ersten Internationalen Untersuchung von Grundqualifikationen Erwachsener." | Paris / Ottawa 1995.
Stark, Werner / Fitzner, Thilo / Schubert, Christof (Hrsg.): "Wer schreibt, der bleibt! – Und wer nicht schreibt?" | Ein internationaler Kongress in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission, Evangelische Akademie Bad Boll. | Stuttgart, Ernst Klett Verlag 1998.
Wagner, Harald: "Analphabetenzahlen – Mythos oder wissenschaftlich fundiert?" | In: Knabe, Ferdinande; Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (Hrsg.), S. 96-107 | Münster, Waxmann 2007.