7.11.2017 08:47 Uhr

Wolfgang Tatje (VHS Bielefeld) ist verstorben

Niemand hätte gedacht, dass es Erwachsene gibt, die nicht lesen und schreiben können. Und das im hochentwickelten Deutschland mit Schulpflicht. Das war 1980. Zum ersten Mal wurden auch an der Volkshochschule in Bielefeld Lese- Schreibkurse für deutschsprachige Erwachsene angeboten. Wolfgang Tatje war der Kursleiter der ersten Stunde. Es gab so gut wie keine Erfahrungen in diesem völlig neuen Arbeitsfeld. Unterrichtsmaterialien und Unterrichtsgestaltung mussten von den Kursleitenden selbst entwickelt werden. Es gab kein Wissen über die Zielgruppe der so genannten funktionalen Analphabeten, der Menschen, die trotz Schulbesuchs die Schrift nicht für sich nutzen konnten. Und niemand hätte gedacht, dass aus einem einzigen Kurs schnell zwölf Kurse wurden. Die Nachfrage nach einem zweiten Einstieg in das Lesen und Schreiben war überwältigend. Wolfgang Tatje war der erste Kursleiter, der auch die Defizite im Rechnen erkannte und neben den Lese- Schreibkursen auch Kurse im Rechnen und später auch im Umgang mit dem Computer entwickelte und umsetzte. Sein Studium der Mathematik und Informatik bot dafür eine optimale Grundlage. Die Arbeit mit der bildungsungewohnten Zielgruppe verlangte aber neben der fachlichen Kompetenz besondere Formen des Unterrichtens und ein hohes Maß an Empathie. Wolfgang Tatje war nicht nur Unterrichtender, sondern auch Helfer und Berater. 36 Jahre lang hat er sich an der Volkshochschule eingesetzt. Neben der reinen Unterrichtstätigkeit hat er an nationalen und internationalen Projekten mitgearbeitet und ein online Lernportal mit aufgebaut, das bundesweit genutzt wird. Wolfgang Tatje war der erste Kursleiter in Bielefeld, der neue Technologien in der Alphabetisierung einsetzte und der den Lernenden auch den Umgang mit digitalen Medien vermittelte. Noch bis in das Frühjahr 2017 hinein unterrichtete er mit einer herausragenden Mischung aus fachlicher Kompetenz und einfühlsamer menschlicher Wärme. Wolfgang Tatje verstarb am 30. Oktober 2017. (Marion Döbert)

Hier ist die Trauerrede.