Zentrale Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag
Botschafter für Alphabetisierung ausgezeichnet
Am 8. September 2008, dem UN-Weltalphabetisierungstag, war am Schiffbauerdamm in Berlin mit Prominenz in Sachen Alphabetisierung zu rechnen.
Mit den Worten "Jeden 8. September werde daran erinnert, dass es weltweit über 700 Millionen Analphabeten gibt, doch eines Tages sollte dazu keine Notwendigkeit mehr bestehen" leitete Carolyn Medel-Anonuevo als stellvertretende Direktorin des UNESCO-Institus für Lebenslanges Lernen die Veranstaltung ein.
Einleitend fragte Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes, mit Blick auf das Schulsystem der "Bildungsrepublik": "Was ist da passiert, dass es in Deutschland trotz Schulpflicht eine geschätzte Zahl von vier Millionen funktionalen Analphabeten gibt?". In diesem Sachverhalt sieht Sie die Verpflichtung zur nachholenden Chance, doch "allein die Verpflichtung ist kein Engagement", so die ehemalige Bundesministerin.
Zwar tritt das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit mehreren Jahren als bedeutender finanzieller Förderer von Projekten im Grundbildungsbereich auf. Eine strukturelle, auf Dauer und Verlässlichkeit gestellte Absicherung dieser Arbeit ist allerdings nicht gegeben.
Peter Hubertus (gesamte Ansprache hier), Geschäftsführer beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, sprach im Wesentlichen von zwei Vorhaben an der Praxisfront: Der Projektverbund von DIE, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und GESIS/ZUMA empfiehlt, eine empirische Erhebung zur Größenordnung des funktionalen Analphabetismus durchzuführen. Damit ist die Hoffnung verbunden, eine Ausweitung von Grundbildungsangeboten zu erwirken. Auch die Länder sollten sich in der Verantwortung sehen. Angesichts eines Missverhältnisses von 25.000 Kursteilnehmern zu vermuteten vier Millionen Betroffenen solle als Ziel bis 2012 eine Zahl von 100.000 Kursplätzen erreicht werden.
Bisher liefen viele Aktionen, Initiativen und dauerhafte Einrichtungen wie das Alfa-Telefon im Bereich Lesen und Schreiben für Erwachsene auf Spenden- und Projektbasis. Es trafen sich Vertreter aus der Alphabetisierung und der Wirtschaft am Nachmittag im Hotel Concorde, um sich über die neu gegründete Alfa-Stiftung auszutauschen. Mit der Stiftung ist die Hoffnung verbunden, in Zukunft für finanzielle Kontinuität und Absicherung zu sorgen.
Staatssekretär Michael Thielen wies darauf hin, dass die Schriftlichkeit in unserer Gesellschaft zunehme. Nicht nur die funktionale Bedeutung von Grundbildung, unter der Thielen demokratische wie gesellschaftliche Teilhabe subsummierte, sei von großer Wichtigkeit. Auch müsse es eine Kultur der zweiten, dritten und auch vierten Chance geben, denn "etwas lernen zu wollen muss als Auszeichnung gesehen werden". Thielen nutzte außerdem die Veranstaltung zur Freischaltung der "alphabund"-Website.
Dr. Ursula Howard von der University of London referierte über die Erfahrungen der Alphabetisierungsbewegung in England. Seit 2001 stärkt die Initiative "Skills for Life" die Grundbildung. Es gebe formale Qualifizierung für Kursleiter sowie nationale Kerncurricula, und aktuell erfüllten bereits 35% der im Feld Tätigen die Anforderungen im Sinne der Initiative.
Am Rande appellierte Howard, Selbstvertrauen solle nicht als soft-skill abgewertet werden, sondern zunehmend als wichtige Disposition für das Lernen begriffen werden.
Tim-Thilo Fellmer, ehemals Betroffener/Lerner und Süssmuth tauschten sich im Gespräch über den angesprochenen Zusammenhang von Selbstbewusstsein und Lernen aus. Fellmer: "Selbstvertrauen wächst stetig mit dem Lernerfolg. Und wichtig für den Lernerfolg ist vor allem die Regelmäßigkeit des Lernens."
Als Botschafter für Alphabetisierung wurden von Marion Döbert und Jürgen Genuneit, nach einem Nachruf auf Kai-Uwe Mix, in diesem Jahr ausgezeichnet: