Analphabetismus

Was ist Analphabetismus?

Z.T. entnommen aus: Peter Hubertus "Alphabetisierung und Analphabetismus. Eine Bibliographie". Bremen 1991. S5ff.

Primärer Analphabetismus
liegt vor, wenn eine Person keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat. Eine andere Bezeichnung ist natürlicher Analphabetismus. Davon betroffen sind vor allem Menschen in Staaten mit einem wenig ausgebauten Schulsystem, die keine Gelegenheit zum (regelmäßigen) Schulbesuch hatten.

Von sekundärem Analphabetismus
spricht man, wenn nach mehr oder minder erfolgreichem Schulbesuch ein Prozess des Vergessens einsetzt, bei dem einmal erworbene Schriftkenntnisse wieder verloren gehen. Die Kinder haben während der Schulzeit lesen und schreiben gelernt, als Jugendliche oder Erwachsene haben sie dies wieder verlernt.

Analphabetismus ist ein relativer Begriff
Ob eine Person als Analphabet gilt, hängt nicht nur von ihren individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet wird. Wenn die individuellen Kenntnisse niedriger sind als die erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisse, liegt funktionaler Analphabetismus vor.

Der Begriff des funktionalen Analphabetismus
trägt der Relation zwischen dem vorhandenen und dem notwendigen bzw. erwarteten Grad von Schriftsprachbeherrschung in seinem historisch-gesellschaftlichen Bezug Rechnung. Vor hundert Jahren waren geringere Kenntnisse erforderlich als heute. In einer westeuropäischen Gesellschaft werden weitergehende Kenntnisse erwartet als in sog. Entwicklungsländern, allerdings in Abhängigkeit von der sozialen Schicht, dem Beruf usw. Innerhalb der entwickelten Industriestaaten mit ihren hohen Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache müssen auch jene Personen als funktionale Analphabeten gelten, die über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen.

Wer aus einer Gesellschaft mit geringen Anforderungen in Bezug auf Schriftsprachkenntnisse in eine Gesellschaft mit höheren Anforderungen immigriert, wird durch den Wechsel der Kulturen zum (funktionalen) Analphabeten, wenn die erworbenen und im Herkunftsland ausreichenden Schriftsprachkenntnisse für das Leben im Industriestaat zu gering sind.

Definitionen

Wie definiert sich funktionaler Analphabetismus eigentlich genau? Vier Institutionen und Personen haben zwischen 1962 (UNESCO) und 1991 (Hubertus) versucht, mit ihren Definitionen eine möglichst eindeutige Antwort auf diese Frage zu geben.

Sie können diese Definitionen hier herunterladen (pdf).

 

Die „Fachgruppe Zielgruppenanalyse“, die im Kontext des vom BMBF eingerichteten Förderschwerpunktes „Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich Alphabetisierung/ Grundbildung für Erwachsene“ tätig war, hat im November 2010 eine neue Definition erarbeitet.

Diese finden Sie hier (pdf)

 

Ursachen

Funktionaler Analphabetismus entsteht im Zusammenspiel von individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren. Zur Übersicht dient folgende Grafik.

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