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Analphabetismus

Fragen und Antworten

Die folgenden Fragen und Antworten sind aus dem Buch "Ihr Kreuz ist die Schrift" von Marion Döbert und Peter Hubertus entnommen. Zum Einstieg in das Thema findet sich dort ein idealtypisches Interview zwischen einem fiktiven Journalisten und dem Geschäftsführer Peter Hubertus.

Wie viele Analphabeten gibt es in Deutschland?
Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, aber der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. geht von 7,5 Millionen Erwachsenen aus, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Wir sprechen genauer von funktionalen Analphabeten. Das bedeutet, dass diese Menschen ein wenig lesen und schreiben können, aber nicht genug, um am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich zurechtzukommen. Verlässliche Zahlen zur Größenordnung gibt es aber nicht.


Funktionaler Analphabetismus: Was heißt das genau?

Wenn jemand nur einzelne Wörter lesen kann, aber zum Beispiel nicht den Elternbrief aus der Schule oder die Warnhinweise am Arbeitsplatz, dann kann er nicht so lesen, wie es heutzutage einfach erforderlich ist. Auch beim Schreiben gibt es eine Bandbreite unterschiedlicher Kenntnisse. Manche Erwachsene können nicht viel mehr als ihren Namen schreiben. Andere kommen mit dem Schreiben so gut zurecht, dass man den Text verstehen kann, den sie notiert haben. Aber wenn in jedem zweiten Wort Fehler sind, reichen diese Kenntnisse einfach nicht aus. Und das weiß der schreibschwache Erwachsene selbst am besten. Um sich nicht zu blamieren, zum Beispiel bei den Arbeitskollegen, schreibt er vorsichtshalber gar nicht. Und damit ist er nicht besser dran als ein totaler Analphabet, der nur drei Kreuze malen kann.

 

Seit wann gibt es Alphabetisierungskurse für Erwachsene in Deutschland?
Die ersten Kurse sind um 1978 eingerichtet worden. Damals gab es Nachfragen, zum Beispiel bei den Volkshochschulen. In jener Zeit kamen zwei Dinge zusammen: Es gab mehr Arbeitskräfte als gebraucht wurden, weniger qualifizierte wurden entlassen. Außerdem gab es immer weniger Arbeitsplätze, bei denen man ohne Lesen und Schreiben zurechtkam. Heute gibt es vor allem an den Volkshochschulen Alphabetisierungskurse, etwa 20.000 Erwachsene nehmen derzeit daran teil.


Wie sieht so ein Kurs aus?
Meistens läuft ein Kurs zweimal in der Woche, etwa montags und mittwochs von sechs bis halb acht. Das ist für jemanden, der berufstätig ist, gerade so zu schaffen. Idealerweise sind das kleine Gruppen von etwa sieben Personen. Weil die Kursteilnehmer unterschiedlich weit sind, wird dort gezielt auf die Einzelnen eingegangen.

Wie ist das mit der Anonymität?
Die ist für die Lernenden natürlich ganz wichtig. Viele Volkshochschulen veröffentlichen in ihrem Programm für die Alphabetisierungskurse keine Zeiten und Raumnummern. Andere halten die Namen und Anschriften der Kursteilnehmer aus den Lese- und Schreibkursen unter Verschluss, sodass sie geschützt sind. Die meisten Kursteilnehmer befürchten auch, im Kurs auf Bekannte zu stoßen, auf Arbeitskollegen etwa. Davor haben viele Angst. Aber das passiert äußerst selten. Ich selbst habe das bisher zweimal erlebt. Aber die beiden, die sich kannten, haben natürlich außerhalb des Kurses nicht darüber geredet. Das ist auch ganz wichtig als Gruppenregel: Wer im Kurs ist und was da passiert, geht nur die Gruppe etwas an.

Kosten die Kurse etwas?
Das ist verschieden geregelt. Es gibt Volkshochschulen, die Lese- und Schreibkurse kostenlos anbieten. Bei anderen zahlt man eine geringe Anmeldegebühr. Wenn Kursgebühren erhoben werden, gibt es meistens Ermäßigungen für Arbeitslose oder Sozialhilfe-Empfänger. Die Kurse dürfen nicht zu viel kosten, denn viele Teilnehmende arbeiten in den unteren Lohngruppen oder sind arbeitslos.

Wie lange dauert ein Alphabetisierungskurs?
In vielen Volkshochschulen laufen die Kurse immer weiter, nur durch die Ferienzeiten unterbrochen, und man steigt irgendwann ein und verlässt den Kurs, wenn man meint, dass man genug gelernt hat. Aber wie lange die Einzelnen bleiben, hängt von vielen Dingen ab. Manche, die eigentlich nur das Lesen lernen wollen, bleiben auch dabei, wenn sie es gelernt haben. Sie setzen sich neue Ziele, die sie im Kurs erreichen wollen.