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30.06.2009 12:41 Uhr

Wörter kennen keine Mauern - Häftlinge lernen lesen

 

Über 12.000 Erwachsene in Münster können nicht richtig lesen und schreiben. Für sie bleiben Texte ein Buch mit sieben Siegeln. Aushänge geben ihnen Rätsel auf. Bücher lesen? Briefe schreiben? Undenkbar! Sie gelten als funktionale Analphabeten und beherrschen die Schrift bestenfalls wie ein Drittklässler. Auch im Gefängnis fallen die Gefangenen auf, die keine oder unzureichende Schriftkenntnisse haben. Am 7. Juli 2009 ab 18:00 Uhr berichten Gefängnisinsassen in einem Pressegespräch in der Justizvollzugsanstalt Münster von früheren Vermeidungsstrategien und heutigen Fortschritten mit der Schrift.

Seit Oktober 2008 findet in der JVA Münster ein Kurs für Inhaftierte mit Lese- und Schreibschwierigkeiten statt. Zwei Mal in der Woche heißt es seitdem für die sechs bis acht Teilnehmer, den Kopf frei machen vom Gefängnisalltag und sich intensiv mit Schriftsprache beschäftigen.

Die Initiative gründet auf einen Brief eines ehemaligen Gefangenen der JVA. Er adres-sierte ihn an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und berichtet darin, dass er große Probleme hat, die üblichen schriftlichen Anträge auszufüllen. Besonders schwierig sind für ihn Gesprächsanfragen und Besucherscheine. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der JVA Münster noch keine Möglichkeit, das Lesen und Schreiben zu lernen.

Der gute Kontakt des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung zur Anstaltsleiterin Maria Look und zur Gefangenen-Bibliothek führte schnell dazu, dass im Herbst 2008 ein Informations- und Filmabend in der JVA angeboten wurde. Bei der Aktion "Buchstaben überwinden Mauern" wurde ein Film über einen jungen Häftling mit Lese- und Schreibproblemen gezeigt. Im Anschluss diskutierten Inhaftierte und Mitarbeiter der JVA darüber, welche Rolle Lesen und Schreiben im Gefängnis spielen. Schnell wurde klar, dass Bedarf für ein Kursangebot besteht.

"Unsere Aufgabe im Strafvollzug ist es, die Gefangenen zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen" - so Look. „Aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben draußen setzt Lese- und Schreib-Kenntnisse voraus. Die Behebung von Defiziten auf diesem Gebiet fördert die erfolgreiche Wiedereingliederung des Gefangenen in die Gesellschaft." Die JVA hatte schon früher versucht, ein Kursangebot einzurichten, es scheiterte jedoch letztlich an der Finanzierung. Dank der inhaltlichen Unterstützung durch den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und dank der finanziellen Zuwendung durch die "Stiftung Bürger für Münster" konnte der Kurs eingerichtet werden.

Bei der Suche nach einem geeigneten Kursleiter konnte Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes, Tim Tjettmers für ein ehrenamtliches Engagement gewinnen. Der 25-Jährige studiert Diplom-Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der WWU Münster. Bereits vor seinem Engagement bei der JVA hat er sich bei verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen und in Universitätsseminaren eingängig mit der gesellschaftlich brisanten Thematik auseinandergesetzt und zwei Praktika beim Bundesverband gemacht. Nach mittlerweile 65 Unterrichtsstunden zieht Tim Tjettmers das Fazit: "Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv die Häftlinge den Kurs annehmen. Sie kommen regelmäßig mit großer Freude zum Kurs, machen gute Fortschritte und sind sehr wissbegierig. So wird meist am Ende der Unterrichtsstunde nach "Hausaufgaben" gefragt. Dabei zeigt sich auch immer wieder, wie realitätsfern das Vorurteil ist, dass man schon dumm sein müsse, wenn man nicht lesen und schreiben kann."

Dass Intelligenz nicht die Wurzel des Problems ist, lässt sich nach Meinung von Alphabetisierungsexperten an verschiedenen Beispielen verdeutlichen. So berichtet ein Häftling, dass er als LKW-Fahrer lange Zeit komplette Fahrtstrecken bis nach Skandinavien auswendig lernte, weil er nicht richtig lesen konnte. Menschen mit Lese- und (Recht-)Schreibschwächen verbergen ihre Schwierigkeiten häufig. Auch außerhalb der Gefängnismauern nutzen lediglich ca. 20.000 Betroffene die Möglichkeit, in Kursen – zumeist an Volkshochschulen – lesen und schreiben zu lernen.

Eine besondere Aufgabe für Tim Tjettmers liegt darin, Teilnehmer erwachsenengerecht zu fördern und auf individuelle Lernbedürfnisse einzugehen. Die erforderlichen Lern- und Arbeitsmittel wurden von der "Stiftung Bürger für Münster" finanziert. Die Stiftung fördert besonders ehrenamtliches Engagement - in diesem Fall den Einsatz von Herrn Tjettmers - und versucht gleichzeitig, Projekte zu fördern, die eine längere Wirkung entfalten. "Wir unterstützen dieses Projekt, das ja die Gefangenen langfristig in die Lage versetzen soll, nach ihrer Entlassung an dem üblichen Alltagsleben teilzunehmen", so Dr. Manfred Gotthardt, Geschäftsführer der Stiftung Bürger für Münster.

Weitere Informationen:

Zum Projekt "Chancen erarbeiten": www.chancen-erarbeiten.de
Zur "Bürgerstiftung Münster": www.buergerstiftung-muenster.de

Ansprechpartner/innen:

Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.
Projekt „Chancen erarbeiten“
Andreas Brinkmann und Ralf Häder
Berliner Platz 8-10, 48143 Münster
Telefon: 02 51.49 09 96-41, -21, Mobil: 01 63.8 88 87 80
Fax: 02 51.49 09 96-44
Mail: brinkmann@chancen-erarbeiten.de
Internet: www.alphabetisierung.de

Justizvollzugsanstalt Münster
Maria Look
Gartenstraße 26, 48147 Münster
Telefon: 02 51.23 74-0 bzw. -105
Fax: 02 51.23 74-20 2
Mail: poststelle@jva-muenster.nrw.de

Stiftung Bürger für Münster
Dr. Manfred Gotthard
Gasselstiege 13, 48159 Münster
Telefon: 02 51.98 76 48 3
Mail: buergerstiftung-muenster@versanet.de

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