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1.09.2009 08:39 Uhr

Wenn Buchstaben zur Stolperfalle werden - Wege für Bildungsbenachteiligte in Bielefeld

 

In jedem Jahr machen Bildungseinrichtungen und Verbände am 8. September, dem UNESCO-Weltalphabetisierungstag, auf die schwierige Lage der vermutlich vier Millionen Erwachsenen aufmerksam, die massive Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Sie können Briefen, Formularen und Plakaten kaum einen Sinn entnehmen. Die Zeitschrift lesen im Wartezimmer beim Arzt? Ein Formular ausfüllen? Wahlprogramme lesen und verstehen? Undenkbar! Sie gelten als funktionale Analphabeten.

Am 08.09.09 informiert das Projekt „Chancen erarbeiten – a³“ vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. gemeinsam mit Bielefelder Bildungsakteuren über die Hintergründe zum Weltalphabetisierungstag und Hilfsangebote. Das Programm startet mit einem Pressegespräch um 12.15 Uhr im Kerschensteiner Berufskolleg (Kükenshove 1, 33617 Bielefeld). Dort informieren Bildungsexperten von VHS, Internationalem Bund, dem Amt für Integration der Stadt Bielefeld und der AWO – Kreisverband Bielefeld sowie vom Berufskolleg über ihre Angebote sowie Hintergründe und Ursachen von funktionalem Analphabetismus. Zudem berichten Betroffene von ihren Erfahrungen aus einer Welt ohne Schrift. Die Schulsozialpädagogin Eva Steffens-Elsner sagt: „Wir freuen uns, dass wir heute im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern über das Thema Alphabetisierung ins Gespräch kommen. Wir zeigen Spots vom Alfa-Telefon und wollen darüber reden, welche Rolle Lesen und Schreiben für die Jugendlichen spielen.“

„Allein in Bielefeld leben über 15.000 Menschen, die schlechter lesen und schreiben können als ein durchschnittlicher Drittklässler.“ so Fachbereichsleiterin Marion Döbert von der VHS Bielefeld. „Die Ursachen sind vielfältig, und es ist kein Zeichen von fehlender Intelligenz, wenn man Probleme mit der Schrift hat. Doch ist es eine unglaubliche Belastung für Betroffene, die Schrift nicht in Alltag und Beruf anwenden zu können. Wir wollen diesen Leuten Mut machen. Bei uns können Interessenten jederzeit und unkompliziert in die Kurse einsteigen“. so Döbert weiter.

„Kinder und Jugendliche mit unzureichenden Lese- und Schreibfähigkeiten bringen laut empirischer Untersuchungen häufig Negativerfahrungen aus ihrem sozialen Umfeld mit. Sie haben ein geringes Zutrauen in ihre Fähigkeiten und ein negatives Selbstbild. Durch fehlende Lesekompetenzen fallen sie zunehmend aus dem Schulsystem heraus, können alltägliche Anforderungen nicht erfüllen, geraten in eine Außenseiterposition und verlieren den Kontakt zu Gleichaltrigen. Die Angst vor Entdeckung und Stigmatisierung wird zum prägenden Lebensgefühl, ihre Entwicklungschancen werden immer begrenzter. Genau hier setzt das innovative Projekt Text-Checker an, das Teil des gesamtstädtischen Sprachbildungsprogramms MitSprache in Bielefeld ist. Mit dem Weiterbildungswerk der AWO Bielefeld werden Jugendliche ab Klasse 7 in unterschiedlichen Schulformen gezielt gefördert. Orientiert an der Lebenswelt der Jugendlichen und ihrem sozialen Umfeld zeichnet sich das Projekt durch neue methodische Lernformen und sozialpädagogische Inhalte aus. Wesentliches Element ist auch eine enge Vernetzung mit der Bielefelder Jugendhilfe“, so Christiane Möller-Bach und Karl-Heinz Voßhans vom städtischen Amt für Integration.

Von 14.00 bis 18.00 Uhr informieren die Akteure in der Bielefelder Fußgängerzone, in der Stresemannstraße (bei Quelle) am Alfa-Mobil über geeignete Kurse und bieten ein breitgefächertes Angebot an Mitmach-Aktionen. Neben Expertengesprächen sind das ABC- golf´n´goal und viele weitere Aktionen im Gepäck.

Christel Griepenburg vom Internationalen Bund erläutert, was am Info-Stand geboten wird: „Die Besucher können ihre eigenen Schreibfähigkeiten zur neuen Rechtschreibung erproben, bei einem Schreibwettbewerb mitmachen und sich bei verschlüsselten Wörterrätseln selbst in die Lage versetzen, wie es ist, wenn man zwar Buchstaben sieht, aber nicht versteht, was sie bedeuten. Wir bieten selbst Kurse für Migranten an und sind froh über jeden, der sich durchringt, Lesen und Schreiben in der deutschen Sprache zu lernen. Brücken bauen durch Alphabetisierung entspricht unseren Zielen und ist einer der wichtigen Meilensteine zur Integration“.

Andreas Brinkmann, Leiter des Projektes A³- Alphabetisierung, Arbeitswelt und Ausbildung vom Bundesverband meint: „Wir wollen die Gelegenheit nutzen, unser Themenheft zur Bundestagswahl vorzustellen. Dabei handelt es sich um leicht lesbare Texte, die verständlich zu Politik und Wahlen informieren und zur Teilnahme motivieren. Es ist klasse, dass die Bielefelder Akteure diese Texte nutzen. Besonders freut uns, dass sich hier alle Anbieter gemeinsam fürs wichtige Thema einsetzen.“


Info-Kasten:
Weitere Informationen finden Sie unter www.alphabetisierung.de und www.chancen-erarbeiten.de.

Das Themenheft zur Wahl finden Sie hier: http://www.chancen-erarbeiten.de/download/themenhefte/bundestagswahl.html.

Alfa-Telefon: Unter 02 51/ 53 33 44 finden Menschen mit Lese- und Schreibproblemen Beratung und Informationen über ortsnahe Weiterbildungseinrichtungen.

Betroffene können das Internet-Lernportal www.ich-will-lernen.de nutzen.


Ansprechpartner:
Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V.
Projekt „Chancen erarbeiten – a³“
Andreas Brinkmann
Berliner Platz 8-10; 48143 Münster
Tel.: 02 51 / 49 09 96 41
Mail: a.brinkmann@alphabetisierung.de

VHS der Stadt Bielefeld
Marion Döbert
Ravensberger Park 1; 33607 Bielefeld
Tel.: 05 21 /51 35 89 und 0163/4816712
Mail: marion.doebert@bielefeld.de

Kerschensteiner Berufskolleg
Eva Steffens
Kükenshove 1; 33617 Bielefeld
Tel.: 05 21 / 1 44 28 80
Mail: eva.steffens-elsner@kerschensteiner-bk.de

Internationaler Bund (IB), Freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit e.V.
Sprachinstitut Bielefeld
Christel Griepenburg
Friedenstr. 2; 33602 Bielefeld
Tel.: 05 21 / 17 31 70
Mail: Christel.Griepenburg@internationaler-bund.de
 
Stadt Bielefeld, Amt für Integration und interkulturelle Angelegenheiten
RAA – Projekt „Text-Checker“
Christiane Möller-Bach
Neues Rathaus
Niederwall 23; 33602 Bielefeld  
Tel.: 05 21/ 51 37 88
Mail:  raa@bielefeld.de