Fachtagung Alphabetisierung 2007

Hamburg


Nachbetrachtung zur Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. in Hamburg

Vom 24. bis 26. Oktober fand die fünfte Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. im Rahmen der Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen statt. Das Tagungsthema 2007 lautete „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Innovative Forschung – Innovative Praxis“. Die Veranstaltung im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg wurde in Kooperation mit dem UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen und dem Deutschen Volkshochschul-Verband durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Rund 250 Wissenschaftler, Praktiker und Lernende trafen sich, um in Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops über das Verhältnis ihrer Handlungsfelder und neue Schwerpunktsetzungen in der Alphabetisierungsarbeit zu diskutieren. Wie schon bei den Fachtagungen in Frankfurt und Bonn gehörten Lernerinnen und Lerner aus Lese- und Schreibkursen und ihre Kursleiter/innen zum Teilnehmer/innenkreis und steuerten eigene Programmbeiträge bei. Insgesamt 48 Referentinnen und Referenten boten eine Vielzahl von Vorträgen und Workshops zum Tagungsthema. Die Diskussionen über die deutsche Situation zur Alphabetisierung und Grundbildung wurden durch Referenten aus Kanada und Österreich ergänzt. Eine Ausstellung zum Thema „ÜberLeben ohne Schrift“ bereicherte durch die Anwesenheit der Ausstellungsmacherin aus Essen das thematische Fachtagungsrepertoire. Die Dichterlesung einer Hamburger Schriftstellerin mit literarischen Texten zur und über „Alphabetisierung“ rundete das Programm ab. Ein besonderes Angebot lieferte die Stadt- und Rathausbesichtigung für Lernende – organisiert und betreut durch Mitarbeiter/innen des Grundbildungszentrums der Hamburger Volkshochschule – ermöglichte einen interessanten Blick auf Stadt und Politik in Hamburg.

 

Bei der diesjährigen Fachtagung wurde der neue Förderschwerpunkt „Alphabetisierung / Grundbildung mit Erwachsenen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) vorgestellt. Erste bereits bewilligte Verbundprojekte hatten in Kurzpräsentationen die Gelegenheit sich zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorzustellen und über ihre Projektziele zu informieren.

Im Rahmen des Schwerpunkts fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in den nächsten fünf Jahren Verbundprojekte – sogenannte „Verbünde“ von Einrichtungen aus Wissenschaft und Praxis – mit einem Volumen von 30 Millionen Euro. Frau Dr. Jutta Schubert (BMBF) gab einen ersten Überblick in ihrem Grußwort zur Fachtagung. Nach Abschluss des Antragsverfahrens handele es sich insgesamt um 27 Verbünde mit 130 in Umfang und Dauer variierenden Einzelprojekten. Insgesamt werden sich beteiligen 21 Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen, 32 öffentliche Weiterbildungsträger (wie z.B. Deutscher Volkshochschul-Verband), 56 Weiterbildungsträger (wie z B. Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.) und Betriebe (betriebliche Weiterbildung) sowie 10 Einrichtungen der Sozialpartner und kirchlichen Träger. Thematisch gliedert sich der Schwerpunkt in vier Bereiche: „Grundlagen / Theoriebildung“, „Effizienz von Beratung und Maßnahmen“, „Grundbildung im Kontext von Wirtschaft und Arbeit“ sowie der Bereich „Profession und Professionalisierung“.

Frau Dr. Angela Rückert-Dahm vom Bundesministerium konnte in ihrem Beitrag zusammenfassend folgende Schwerpunktzuordnungen angeben: 6 Verbünde zum Themenkomplex 1 (Grundlagen / Theoriebildung), 11 Verbünde zum Komplex 2 (Effizienz), 19 Verbünde zum Themenkomplex 3 (Grundbildung in Wirschaft und Arbeit), 4 Verbünde zum Themenkomplex 4 (Profession / Professionalisierung). Dafür sei eine abgestimmte Zusammenarbeit der einzelnen Verbünde und Projekte unbedingt wünschenswert und notwendig. Hierfür stellte sie die Schaffung eines Transfer-Projektes zur „Unterstützung – Vernetzung – Ergebnisvermittlung“ für Anfang 2008 in Aussicht, das in erster Linie den Informations- und Erfahrungsautausch organisieren und moderieren solle, wie z. B. die Kontaktaufnahme zwischen Anbietenden und Nutzenden. Aufgrund des unterschiedlichen Starts der Projekte sei schon vor Ablauf der fünfjährigen Laufzeit des Förderschwerpunkts mit ersten Ergebnissen aus den Projekten zu rechnen.

 

In seinem Einführungsvortrag zu den Perspektiven der Analphabetismusforschung lieferte Prof. Hans Brügelmann von der Uni Siegen einen Aufriss der Probleme für die Alphabetisierungsarbeit. Seine Überlegungen bezogen sich auf die Notwendigkeiten und Bedingungen künftiger Projektarbeit. Er formulierte für alle Forschungs- und Planungsschritte als oberste Notwendigkeit eine Differenzierung, sei es z. B. der Begriffe oder auch der Methoden. Dies gelte für alle Bereiche der Forschung und Praxis in der Alphabetisierung. Ein guter Ausgangspunkt für den Start in die Arbeit der neuen Projekte.

 

Neben den bereits genannten waren noch weitere Vorträge und Kurzbeiträge sowie 20 Workshops im Programm. Neben den Kurzbeiträgen der neuen Projekte am ersten Tag, bildeten weitere am zweiten Tag zur Projektarbeit in der Alphabetisierung und Grundbildung einen thematischen Block. Hier wurden neben der Freude über die große Anzahl der jetzt anstehenden und geförderten Projekte die Probleme von Projektarbeit thematisiert, wie Termindruck, Kurzlebigkeit, Redundanz. Deshalb sei die Sicherstellung der Nachhaltigkeit notwendiges Anliegen von Projektarbeit. Es sei wichtig entstehende Ergebnisse nicht im „Nirwana des Internets“ oder als „Datenbank-Leichen“ verschwinden zu lassen. Letztlich ungenutzt und nicht mehr weiterentwickelt drohten sie „in den Schubladen“ zu verschwinden, so die Warnung Marion Döberts, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in ihrem als Frage formulierten Beitrag mit dem Titel: „Projekte – und dann?“

 

Mit der Thematisierung der ökonomischen Perspektive von Alphabetisierung, Grundbildung und Arbeitsmarkt stellte Dr. Hans Peter Klös, Leiter des Bereichs Politik und Arbeitsmarktpolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln den Zusammenhang zwischen Faktoren wie Bildungsarmut, Arbeitslosigkeit und Armutsrisiken dar. Nachträgliche Kostenaufbringung für unterschiedlichste Maßnahmen und Leistungen seien nur eine ungünstige Reparatur statt an richtiger Stelle ausgegebener und rechtzeitiger Investitionen.

 

Ein besonderes Jubiläum konnte auf der Fachtagung vermeldet werden: Die Mitglieder des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung konnten mit den Teilnehmer/innen der Fachtagung auf das 10-jährige Jubiläum des Bundesverbandes Alphabetisierung anstoßen. Neben der Freude bleibe dennoch festzuhalten, dass der Bundesverband nach wie vor ehrenamtlich arbeite, so der Geschäftsführer Peter Hubertus. Eine gesicherte, bundesweit agierende Alphabetisierungs- und Grundbildungsagentur, wie sie in anderen Ländern, wie z. B. Großbritannien, Frankreich, Irland, schon lange etabliert sei, gebe es nach wie vor in der Bundesrepublik nicht.

Abschließend bleibt noch einmal der besondere Hinweis auf die Teilnahme von insgesamt 50 Lernerinnen und Lernern. Neben der Durchführung eigener Workshops fand ein reger Austausch zwischen den Lernenden statt. An dieser Stelle wird das Ziel der Schaffung von Netzwerken im Hinblick auf Nachhaltigkeit in der Alphabetisierungsarbeit besonders greifbar. Eine gute Gelegenheit für die neuen Projekte und deren Mitarbeiter/innen für ihre zukünftige Projektarbeit sich über die Bedürfnisse und Interessen der Lernenden zu informieren und diese günstigerweise passgenau einbeziehen zu können.