Was ist Kunst? Was ist eigentlich Kultur? Warum und wozu lohnt es sich zu lernen? Was lohnt es sich zu lernen? Was bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, die von der Schriftsprache sehr stark geprägt ist? Und was bedeutet es, in einer solchen Gesellschaft zu leben und der Schriftsprache nicht oder nur eingeschränkt mächtig zu sein?
Viele Fragen, die am Anfang der diesjährigen Fachtagung Alphabetisierung standen. An drei Tagen gab es dann für die über 300 Tagungsgäste die Möglichkeit, diesen Fragen in Vorträgen, Seminaren, Filmbeiträgen und Diskussionen nachzugehen.
Mittwoch, 4. November
Astrid Vockert, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtages und Vorsitzende des Landesverbandes der Volkshochschulen Niedersachsens, gestand in Ihrem Grußwort ein, dass das Thema "funktionaler Analphabetismus" in der Bildungspolitik noch viel zu wenig Beachtung findet. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich im restlichen Verlauf der UN-Weltalphabetisierungsdekade an dieser Tatsache etwas ändert. Oliver Lübke vom BMBF betonte die grundlegende Bedeutung von Kreativität für Lernprozesse und Hauke Jagau, Präsident der gastgebenden Region Hannover, verglich Lese- und Schreibfähigkeiten mit dem Schwimmen können – auffällig sei nur, wenn man das Selbstverständliche nicht beherrsche. Die Schriftkünstlerin Tanja Leonhardt wies in Ihrem Eröffnungsvortrag auf die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte wandelnden Bedeutungen von Schrift und Sprache hin und widmete sich den Auseinandersetzungen verschiedener Philosophen mit der Welt der Buchstaben. Dr. habil. Gertrud Kamper nahm dann aus pädagogischer Sicht eine Bestimmung der Begriffe, Kunst, Kultur und Kreativität vor. Marion Döbert, Leiterin der Transferstelle "alphabund" beim UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen (UIL), stellte anschließend klar, dass die "Kunst des Forschens" eine gelungene Kombination aus spontaner Wissbegierde und systematischem Bearbeiten einer Fragestellung sei. Wie es gelingen kann, Jugendliche für die Beteiligung an Grundbildung zu motivierten, erläuterten Jan-Peter Kalisch und Timm Helten vom Projekt "iCHANCE". Zum Abschluss des ersten Tages lüfteten Redaktionsmitglieder von "XXX – die ABC-Zeitung" aus Oldenburg den Vorhang und gaben den Blick hinter die Kulissen und in ihren Redaktionsalltag frei.
Donnerstag, 5. November
Zu Beginn des zweiten Tages stellte Otto Rath, Gesamtkoordinator des Projektes "in.Bewegung" aus aus Graz, Beispiele aus der österreichischen Praxis vor, die zeigten, wie Handlungskompetenzen durch Alphabetisierung und Basisbildung gestärkt werden. Der zweite Plenumsvortrag ging der Frage nach, wieviel Platz für Humor in der Alphabetisierungsarbeit besteht. Vorgetragen wurden darüber hinaus kurze Texte aus einem Lesebuch, das unlängst beim Deutschen Volkshochschulverband herausgegeben wurde – und in denen es reichlich zu lachen gab.
Im weiteren Verlauf des Tages wurden insgesamt 25 unterschiedliche Seminare angeboten, die ein breites thematisches Spektrum abdeckten. Den Abschluss des Tages bildete dann eine Projekt-Messe, in der die Projekte des BMBF-Förderschwerpunktes den Stand ihrer Forschungsarbeiten und aktuelle Fragestellungen präsentierten.
Freitag, 6. November
Staatssekretär Dr. Josef Lange vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur schilderte in seinem Grußwort zu Beginn des letzten Tages die niedersächsischen Bemühungen, das Thema Alphabetisierung und Grundbildung in gemeinsame Beratungen und Beschlüsse der Bundesländer einzubringen. Im Anschluss zeigte ein Projekt aus Köln praktisch, plastisch und lautstark, wie Musik und Tanz in die Alphabetisierungsarbeit einfließen können. Prof. Dr. Helmut Bremer von der Universität Duisburg-Essen analysierte dann im ersten Hauptvortrag, wie die Alltagskultur verschiedener Milieus mit der Sicht auf Bildung, der Herangehensweise an Bildung und mit der Wertschätzung von Bildung zusammenhängen. Prof. Carmen Mörsch betonte schließlich in ihrem Abschlussvortrag, dass der Ruf nach "kultureller Bildung" sehr ambivalent zu betrachten sei und dass es notwendig ist, sich damit auseinanderzusetzen, welche Interessen und Strategien sich hinter diesem Ruf verbergen. Nach einigen persönlichen Stimmungsbildern zur Tagung warfen Peter Hubertus, Geschäftsführer des BVAG, und Vorstandsmitglied Dr. Jens Korfkamp einen Blick zurück auf die vergangenen Jahre der UN-Weltalphabetisierungsdekade und zeigten den Handlungsbedarf für die kommenden Jahre auf.
Die diesjährige Fachtagung Alphabetisierung hat vielleicht mehr Fragen aufgeworfen als Fragen beantwortet, sich auf das Eröffnen von Horizonten konzentriert und nicht so sehr auf die Weitergabe konkreter Ziele und Handlungsempfehlungen in Forschung und Praxis. Diese Spannung auszuhalten ist nicht immer leicht. Aber es lohnt sich.