Botschafter 2010

Achim Scholz

Laudatio

 

Lieber Achim Scholz,
sehr geehrte Damen und Herren,
„Tut, tut, tut, da fährt ein Auto“, diese Worte gehören zu den ersten, die er in der Schule gelesen hat. Vorher hatten seine Großeltern ihm schon das Lesen beigebracht, sonst hätte er vielleicht Schwierigkeiten mit der Ganzwortmethode gehabt. Seitdem liest er gern. Leider hat er wenig Zeit dazu. Und dann das viele „Zeugs“, das man lesen muss. Zugeschüttet wird er damit: Mails, Zwischenberichte von Projekten und so weiter. „Zeugs eben“ – wie er das so schön auf Norddeutsch ausdrückt. Wir lernen daraus: Lesenkönnen macht Spaß, Lesenmüssen nicht unbedingt. Das gilt übrigens auch fürs Schreiben. Damit hatte er allerdings Probleme, bis sein Vater auf eine geniale Idee kam, ihm den Unterschied zwischen v und f klar zu machen. Diese Idee verrate ich nicht. Bestände doch die Gefahr, dass sie heute in der Schule angewandt, dazu führt, dass es keine funktionalen Analphabeten mehr gibt. Dann würden auf einen Schlag die Erwachsenenalphabetisierer arbeitslos. Nicht auszudenken!
Seit seine Rechtschreibprobleme beseitigt sind, schreibt er gern. Freude macht ihm das Schreiben mit der Hand. Regelmäßig schreibt er handschriftliche Briefe an Freunde und nahe Verwandte, denen er damit eine große Freude macht. Im Zeitalter der verkürzten Botschaften per SMS und der computergefertigten Mails kann man da richtig neidisch werden. Meine Damen und Herren, wann haben Sie das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief erhalten, der mindestens eine Seite lang war? Und wann haben Sie solch einen das letzte Mal selbst geschrieben? Wenn Sie vergessen haben, wie das geht, besuchen Sie einen Kurs bei Achim Scholz.
1984 im September – also vor genau 25 Jahren – wird Achim Scholz eher zufällig Kursleiter in einem Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule Oldenburg. Für seine Arbeit als Alphabetisierungspädagoge bringt er mit:
•    eine Ausbildung in der Krankenpflege, Schwerpunkt Psychiatrie
•    ein Lehramtsstudium zum Sonderschullehrer, Schwerpunkt Verhaltensgestörtenpädagogik
•    ein Erweiterungsstudium, Schwerpunkt Geistigbehindertenpädagogik
•    langjährige Erfahrungen als Dozent für Pädagogik, Psychologie und Motopädie an Berufsfachschulen
•    langjährige Erfahrungen als Unterrichtender in „Ausbildungsbegleitenden Hilfen“ für lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Auszubildende
•    Erfahrungen in der Erziehungsberatung
Bei dieser Qualifikationsliste wird jeder blass, der sich mit Professionalisierung in der Alphabetisierung und Grundbildung beschäftigt.
Mit diesem Erfahrungshintergrund bereitet Achim Scholz seine erste Stunde im Alphabetisierungskurs keine Probleme. Es handelt sich dabei um einen gemischten Kurs von Ausländern und Deutschen mit unterschiedlichem Lern- und Wissensniveau. Da kommt seine Vorliebe für die Freinet-Pädagogik gerade recht. Projektorientiertes ganzheitliches Lernen setzt er um, indem er mit Lernenden ein Kochbuch mit internationalen Rezepten zusammenstellt.
Es folgt Schlag auf Schlag die Umsetzung innovativer Ideen:
•    Entwicklung neuer Kursformate
•    Sammlung von Lebens- und Lerngeschichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
•    Ausstellungen
•    Lesungen
•    Fachtagungen
•    Netzwerke
•    Fortbildungen
•    Filme mit Betroffenen
•    Spendenakquise
•    Verhandlungen mit der Arbeitsverwaltung um Finanzierungsmodelle für Alphabetisierungskurse – sicherlich das Aufreibendste in dieser Liste, die sich noch fortsetzen ließe
Seit 2001 leitet Achim Scholz verschiedene Projekte in der Alphabetisierung und Grundbildung, zurzeit das Projekt „Alphabetisierung – Beratung – Chancen“, kurz das ABC-Projekt, im Forschungsschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Er schreibt über seine Arbeit: „Diese multidimensionale Tätigkeit als Lernbegleiter, Berater, ‚Forscher’ und Bildungsplaner – immer im dialogischen Prozess mit Bildungsbenachteiligten und sowohl als Lehrender als auch als Lernender – erfüllt mich mit großer Leidenschaft.“ Jeder, der ihn kennt, spürt dies.
Alphabetisierung und Grundbildung sind für ihn ein Grundrecht. Deshalb ärgert er sich über mangelnde Unterstützung, zum  Beispiel durch die Arbeitsverwaltung, über ungeklärte Zuständigkeiten und das Leugnen von Verantwortung für Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben.
Sein größtes Glück: zu sehen, wie sich Lernende entwickeln, wie sie Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein aufbauen, wie ihr Aktionsradius größer wird, wie sie Mut fassen, mit ihren Problemen in die Öffentlichkeit zu gehen …
Alphabetisierung darf nicht stagnieren, wünscht er sich. Das, was er in Oldenburg entwickelt hat, sollte man versuchen, bundesweit zu übertragen. Dabei ist ihm die Einbeziehung der Wirtschaft wichtig, nicht nur als Geldgeberin, nein, auch bei der gesellschaftlichen und politischen Durchsetzung eines Grundrechtes auf Alphabetisierung und Grundbildung.
Woher nimmt jemand die Kraft, der sich schon so lange so stark engagiert, der immer Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, der – wie seine Frau sagt – mit seiner Arbeit verheiratet ist. Vielleicht ist sie ja eine seiner Kraftquellen, und der Garten, in dem er sich – wie er es formuliert – immer wieder erdet. Vielleicht ist es aber auch die Wertschätzung, die ihm seine Lernenden entgegenbringen – eine Wertschätzung, in der sich erfüllt, was der deutsch schreibende syrische Schriftsteller Suleman Taufiq mit folgenden Versen ausdrückt:
du
gib mir etwas
lehre mich schreiben
lehre mich
die buchstaben
zu lieben
damit ich dich lieben kann
Und so könnte Achim Scholz stolz von sich die Worte sagen, die auf einem Schlüsselanhänger stehen, der während einer amerikanischen Alphabetisierungskampagne an erfolgreiche Alphabetisierer verteilt wurde: „I gave the incredible gift of reading.“ Er könnte es sagen, aber er tut es nicht, weil er zu bescheiden ist. Deshalb übernimmt dies der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und drückt Ihnen, lieber Achim Scholz, seine Wertschätzung aus, indem er Sie zum Botschafter für Alphabetisierung ernennt. Er bekräftigt dies mit einer Urkunde und einer silbernen Nadel, die ein liegendes A darstellt, die Urform des Buchstaben A, mit dem alles anfing. Herzlichen Glückwunsch!
(Das zitierte Gedicht stammt aus:
Taufiq, Suleman: Das Schweigen der Sprache. Berlin: Edition Orient 1988).  

 


Die Dankesrede von Achim Scholz finden Sie hier.