Brigitte van der Velde

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren,


bei unserer Fachtagung 2006 in Hamburg kam ich etwas verspätet zu einer Veranstaltung und setzte mich gleich hinten in die letzte Reihe. Die über 300 Menschen vor mir waren mucks-mäuschen-still, kein Tuscheln, kein Husten,
kein Rascheln war zu hören. Alle hingen gebannt an den Lippen der Rednerin auf dem Podium. Vorne am Rednerpult stand Brigitte van der Velde, ganz souverän, und berichtete mit fester Stimme über ihre Erfahrungen mit dem
Lernen als Erwachsene mit einer Lernschwäche. Alle waren beeindruckt von der Qualität ihres Vortrags, Lernende und Profis gleichermaßen. Sogar die ewigen Kritiker der Alphabetisierung kamen ins Zweifeln. Funktionale Analphabeten hatten sie sich immer ganz anders vorgestellt. Nicht so strukturiert und reflektiert, nicht so klar und deutlich. Sie wurden verleitet, nun tatsächlich hinzuhören, nicht gleich abzuwinken, mit dem Argument: „selber schuld, hätte sich in der Schule halt ein bisschen anstrengen sollen.“ Hier berichtete jemandvon den täglichen Anstrengungen, in der Schule mitzuhalten, von den Hänseleien der Kinder, von den Lehrern, die froh waren, dass die kleine Brigitte lieb war und nicht weiter störte. Hier erinnerte sich eine über 50jährige Frau noch ganz genau an jede Einzelheit der Schulstunden, die für sie der blanke Horror waren. Jetzt konnte sie darüber reden. Als Kind fühlte sie sich einfach nur ausgeliefert und abgeschoben. Heute weiß sie, was damals hätte anders laufen sollen.


Natürlich wollte auch sie einen Beruf erlernen, gerne etwas mit Kindern, aber auch der Abschluss an der Hauswirtschaftschule scheiterte an den mangelndenSchriftsprachkenntnissen. Da Brigitte van der Velde handwerklich sehr geschickt war, erhielt sie einen Arbeitsplatz in einem elektrotechnischen Unternehmen, in dem auch ihre Mutter  arbeitete. Sie blieb dort 24 Jahre, stets bemüht, ihr Geheimnis zu bewahren. Sie arbeitete sehr gut, man wollte sie befördern, aber da diese Beförderungen immer mit Verwaltungsaufgaben verknüpft waren, schlug sie diese lieber aus. Sie entwickelte sogar gewinnbringende Verbesserungen in den Arbeitsabläufen, aber weil sie diese nicht selbst schriftlich festhalten konnte, erhielten andere die Lorbeeren. Dann kam der technische Fortschritt in Form von Maschinen, und sie war eine von vier Frauen, die für diese Maschinen ausgewählt wurden und den Arbeitsplatz behalten konnten. Aber als sie am ersten Tag die Arbeitsabläufe der Maschine anhand einer Bedienungstafel einstellen sollte, bat sie um den Aufhebungsvertrag. Die Angst, bloßgestellt und dann gekündigt zu werden, war
zu groß.

 

Beim nächsten Arbeitgeber hat sie sich gleich geoutet, aber auch da musste sie nach zwei Jahren gehen, wegen mangelnder Schriftsprachkenntnisse.Die berufliche Perspektivlosigkeit und die zunehmenden Probleme in der Ehe
führten sie in eine große Lebenskrise. Sie suchte professionelle Hilfe und plötzlich öffnete sich ihr auch „die Tür in die Welt der Schrift“. Sie beschloss, noch einmal richtig lesen und schreiben zu lernen und hatte das Glück, in der VHS Oldenburg auf Achim Scholz, einen kompetenten und engagierten Experten, zu treffen, der sie bis heute optimal unterstützt. Sie stellte fest, dass sie mit ihrem Problem nicht allein war und dass auch sie lernen konnte, wenn
die Bedingungen stimmten. Bis heute ist ihre Freude am Lernen ungebremst. Sie beschreibt sie in ihren Texten, die sie regelmäßig in Fachbüchern, im „ALFA- FORUM“ und in der eigenen Lerner- Zeitung der VHS Oldenburg veröffentlicht. Für den Text „Zwei Gesichter“ wurde sie 2005 mit dem Literaturpreis des DVV ausgezeichnet.

 

Sie sagt, ihr Leben besteht aus zwei Teilen. Das Leben vor der Schrift, das beschwerlich und freudlos war, in dem sie oft an ihre physischen und psychischen Grenzen kam, und das Leben mit der Schrift, ein Leben voller Lebensfreude, Wertschätzung und mit hoher Qualität. Jetzt kann sie ihre Hobbys wirklich genießen, mit Freunden und Familie ins Konzert, ins Kino oder ins Theater gehen, gemeinsam kochen oder verreisen. Nach einer Fahrt zur Frankfurter Buchmesse, wo sie mit ihrem Mitstreiter Ernst Lorenzen die Aktivitäten des Bundesverbandes unterstützte, schrieb sie in der ABC Zeitung:  „Große Hallen, breite Wege...Tausende von Menschen – Leseratten. Wir schauen uns an und fragen uns, warum tun wir uns das eigentlich an? Wir müssen lachen und sagen aus einem Munde: `Weil es so schön ist.´ - Wir lachen wieder und man kann spüren, welches Wissen uns stark macht und weiter trägt. Wir wissen was es bedeutet, wenn man endlich ein Buch lesen und darüber sprechen kann. Wir laufen im Strom der Lesenden und wir sind zwei von ihnen.“

 

Wenn ihre Texte andere berühren, ist ihre Freude am größten. Sie liebt Leserbriefe, in denen Lernende auf ihre Texte in der ABC Zeitung reagieren. Es begeistert sie, dass ihre geschriebenen Worte andere Lernende motiviert,
ebenfalls zu schreiben.Aber sie will nicht nur berühren oder beeindrucken. Sie will etwas bewegen mit ihren Worten. Sie möchte Menschen unterstützen, die noch in ihrer Angst gefangen sind. Im Kurs hilft sie anderen Lernenden beim Schreiben. Während der Fachtagungen versucht sie in eigenen Workshops, Lernende zu ermutigen, weiterzumachen, und Lehrende über die Schwierigkeiten zu informieren, die im Erwachsenenalter das Lernen beeinflussen. Sie beschließt auch in die Öffentlichkeit zu gehen und wirkt mit bei Beiträgen im Radio (NDR, WDR und
Lokalsender) und im Fernsehen (ZDF). Sie gibt Interviews in regionalen und überregionalen Zeitungen und schreibt kritische Artikel in jeder Ausgabe der ABC Zeitung. Hier einige Titel, die Sie im Internet nachlesen können: „Mogeln
und Schummeln“, „Hartz IV = Unterschicht?“, „Kinderbetreuungsgeld“, „Uns gibt es auch!“ und „Wie ernst nimmt uns die Gesellschaft?“

 

Seit der Gründung 2008 wächst der Leserkreis der ABC-Online-Zeitung ständig weiter. Inzwischen wird sie als Leichtleselektüre bundesweit in den Kursen gelesen, auch im deutschsprachigen Ausland. Am 4.4.2011 gründete Brigitte van der Velde mit ihrem Mitstreiter Ernst Lorenzen die Selbsthilfegruppe Oldenburg mit dem Ziel, anderen Betroffenen Mut zu machen und das Selbstbewusstsein zu stärken. An jedem ersten Montag des Monats finden Treffen statt, die regelmäßig von der örtlichen Tageszeitung und dem örtlichen Radiosender beworben werden. Sie helfen bei dem ersten Schritt in die VHS und unterstützen bei Problemen im Kurs. Ihr oberstes Ziel ist jedoch die Verbesserung der Möglichkeiten für die Betroffenen, gemeinsam mit den anderen Selbsthilfegruppen und mit relevanten Organisationen aus Bildung und Politik. Und sie haben seitdem schon einiges bewegt: Zur Veranstaltung am Weltalphabetisierungstag im letzten Jahr kamen über 100 Gäste in die VHS. Im Jobcenter klärten sie Mitarbeiter auf und an der Uni Lehramtsstudenten.

 

Am 4.7. 2012 dann der Höhepunkt: Frau Prof. Dr. Wanka, die Niedersächsische Ministerin für Kultur und Wissenschaft, folgte der Einladung der Selbsthilfegruppe, kam nach Oldenburg und diskutierte mit Brigitte van der
Velde und ihren Kollegen offen über die Notwendigkeit und Möglichkeiten der Finanzierung.

 

Liebe Brigitte, in deinem Artikel „Ein besseres Leben für Analphabeten“ im aktuellen ALFA- FORUM schreibst du, dass du nun Frührentnerin geworden bist, da das anstrengende Leben einer funktionalen Analphabetin dich viel Kraft und
auch die Gesundheit gekostet hat. Das war sicher ein leidvoller Prozess und ist auch finanziell kein erstrebenswerter Zustand. Aber wenn ich eure Erfolge der letzten Monate sehe, freue ich mich darüber! Ich freue mich darüber, dass du deine kreative Energie in deiner ruhigen, zurückhaltenden, aber ausdauernden Art, nun frei in die Herausforderung einbringen kannst. Deine Rede damals und deine Arbeit jetzt stärkt auch uns. Gemeinsam werden wir es schaffen, möglichst vielen Menschen die Chance zu geben, an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

 

Liebe Brigitte, ich möchte dir im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung für deine ausdauernde Unterstützung danken und freue mich, dich als „Botschafterin für Alphabetisierung 2012“ auszuzeichnen.

 

Herzlichen Glückwunsch.

 

Elfriede Haller, Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung

 

 

 

 Dankesrede