Botschafter 2008

Esma Abdelhamid

Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren!


sie selber schreibt über sich: "Über etwas zu reden ist mir nie erlaubt worden, obwohl ich eine unstillbare Sehnsucht danach hatte."


Geboren wurde sie 1960 in Tunesien. Heute lebt sie mit ihren drei Kindern in Hamburg. Dazwischen liegt der lange Weg einer Biographie in Abhängigkeit und Unfreiheit. Vom Vater wurde sie traditionsgemäß verheiratet. Ihr Ehemann nahm sie mit nach Deutschland, ein Land, von dem sie nicht einmal wusste, wo es auf dieser Erde sein sollte. Danach kannte sie jahrelang nichts anderes als die vier Wände ihrer Wohnung.

"Weißt du eigentlich, dass ich zwölf Jahre in Hamburg gelebt habe, ohne die Alster zu sehen?" fragt Esma Abdelhamid in ihrem Buch. Ein Buch, in dem sie den Kampf um ihre entführten Kinder und die Geschichte ihrer Emanzipation beschreibt. Bis dahin aber war es ein langer Weg.

Auf diesem Weg entschied sich Esma Abdelhamid, in der Volkshochschule Hamburg das Lesen und Schreiben zu erlernen. 2005 nahm sie teil an dem Literaturwettbewerb für funktionale Analphabeten "Wir schreiben" des Deutschen Volkshochschulverbandes in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband  Alphabetisierung e.V. Mit ihrer Geschichte "Mehr als eine Ehe" überzeugte sie die Jury und gehörte zu den unter 350 Teilnehmern ausgewählten Preisträgerinnen. Zum Weltalphabetisierungstag 2005 wurde sie dafür in Berlin geehrt. Ihre Geschichte wurde von der Schauspielerin Andrea Sawatzki in der saarländischen Vertretung in bewegender Weise vorgetragen. Damals hieß Esma einfach nur Esma.

Auf der Veranstaltung am 8. September wurde eine Journalistin und Autorin von Esmas Geschichte besonders berührt. Sie nahm Kontakt zu ihr auf. Viele intensive Gespräche und Begegnungen folgten. Mit Hilfe dieser Autorin fand Esma den Mut, das Buch ihres Lebens zu schreiben. Sie als Erzählautorin, Marianne Moesle als Schreibautorin. Im Februar 2008 erschien das Buch "Löwenmutter" und eroberte direkt die Bestsellerlisten.
Das geschriebene Wort verleiht Esma Abdelhamid nun eine neue Stimme. Eine Stimme, die nicht nur gehört, sondern auch gelesen wird.

Esma heißt jetzt Esma Abdelhamid. Heute scheut sie nicht mehr das Licht der Öffentlichkeit. Bei Lesungen trägt sie ihre Texte vor. In den Medien erzählt sie ihre Geschichte. Zum Beispiel im Mai 2008 bei "Stern TV" im Gespräch mit Günther Jauch.
Mit ihrem Buch und ihren öffentlichen Auftritten ermutigt Esma Abdelhamid andere Frauen, sich gegen Unterdrückung zu wehren, sich nicht dem Schicksal oder tradierten Normen zu fügen. Und sie ermutigt zum Lernen: Nur wer die Welt lesen und verstehen kann, kann Abhängigkeit überwinden, kann selber entscheiden und sein Leben in die eigene Hand nehmen.

"Über etwas zu reden ist mir nie erlaubt worden, obwohl ich eine unstillbare Sehnsucht danach hatte", sagten sie einmal. Diese Sehnsucht hat sich für Sie, Frau Abdelhamid, erfüllt. Mit Ihren Worten tragen Sie dazu bei, dass sich diese Sehnsucht vielleicht auch für andere Menschen erfüllen kann.

Ich freue mich, Sie, Esma Abdelhamid, für dieses Ihr Engagement und Ihren Mut hier und heute im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung zur "Botschafterin für Alphabetisierung 2008" auszeichnen zu dürfen. Bitte setzen Sie sich auch weiterhin für die Belange von Menschen ein, die – wie Sie- erst als Erwachsene das Lesen und das Schreiben erlernen.
Sie sind nicht mehr Opfer, Frau Abdelhamid. Sie sind jetzt Mutmacherin für andere. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch!  

Marion Döbert