Botschafterin 2007

Eva Steffens-Elsner

Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wenn sie schreibt, wird aus jedem Blatt Papier ein kleines Kunstwerk. Ihre Handschrift ist wie Malen mit Worten. Da gibt es keine Brüche oder Widrigkeiten. Schreiben ist bei ihr Gleiten, ist bewegtes Denken. Beim Schreiben formt sie die Buchstaben in so vollkommener Harmonie, dass alles aussieht wie Dichtung.  Ein Schöngeist ist sie, was das Lesen und das Schreiben angeht. Vielleicht ist es diese Liebe zur Literatur und den schönen Schriften, die rund 2000 Kursleiterinnen und Kursleiter dazu bewegt, Erwachsenen das Lesen und das Schreiben zu vermitteln?

Wer erwachsene funktionale Analphabeten unterrichtet, muss schon ein besonderer Mensch sein. Nur eine ausgeprägte Motivation kann über die unzulänglichen Rahmenbedingungen dieser Arbeit hinweghelfen.

Ein Studium für Alphabetisierung gibt es ja nicht. Fortbildungen sind nur rar gesät, und wie Erwachsene Lesen und Schreiben lernen, weiß man immer noch nicht wirklich. Unterrichtsmaterialien muss man selber machen, die Sorgen und Nöte der Lerner aushalten können und das alles im ungesicherten Arbeitsverhältnis als Honorarkraft. Reicht da Schöngeist alleine als Motivation?

Szenenwechsel:

Eine Kindheit wie im Försterhaus! Mit Pucki, Hanni und Nanni, liebevollen Eltern und Geschwistern wächst sie auf. Das Lesen lernt Eva Steffens-Elsner in der Schule. Nicht zu früh und nicht zu spät. Sie liebt ihr Fräulein Lehrerin, die schönen Geschichten, die sie erzählt und die Fleißbildchen, die es manchmal gibt für fehlerfreies Lesen und Schönschreiben. Mit solchen Voraussetzungen im Tornister geht es selbstverständlich auf´s Gymnasium.

Doch plötzlich wird alles anders. Sie engagiert sich in der Schülervertretung, beim Theaterspiel, in der Friedens-Initiative in Berlin. Das sieht man nicht gerne an ihrer Schule. Beim Abi kommt es zum Crash. Eine halbe Note hätte gereicht, aber der Lehrer vergibt die 5+. Durchgefallen! Eine 4- hätte gereicht. Abgestempelt! Ausgesondert! Sie gehört nicht mehr dazu. Alle feiern ihr Abitur. Sie schließt sich ein. Mit ihrer Wut und den Tränen. Ein Jahr später macht sie das Abitur, studiert Sozialarbeit. Im Anerkennungsjahr fängt es dann an mit den Analphabeten.

Über zehn Jahre lehrt sie Lesen und Schreiben für Erwachsene an der VHS Bielefeld. Sie unterrichtet, sie berät. Engagiert und warmherzig, offen für die oft existenziellen Nöte der Menschen ohne Schrift. Ihr ist es mit zu verdanken, dass das "Bielefelder Eselsohr" als einzige Lernerzeitung in Deutschland seit 25 Jahren existiert. Viele Jahre hat sie die Koordination und Redaktion der Beiträge übernommen. Sie ermutigt Lerner, an Fachtagungen zur Alphabetisierung teilzunehmen: In diesem Jahr kommen sie schon zum dritten Mal. Damit hat Eva Steffens-Elsner auch den Aufbau von  Selbsthilfestrukturen mit gestärkt. Ihr Wissen gibt sie weiter: bei zahlreichen Fortbildungen, in Workshops, auf der Didakta oder auf Fachtagungen. Sie publiziert, schreibt als Autorin für Analphabeten bis hin zu dem Buch "Zusammenleben".

Eva Steffens-Elsner lebt ihr Thema auch in der Familie: Alle werden mobilisiert in Sachen Alphabetisierung: Der Bruder macht Fotos für Leichtlese-Bücher. Sohn Max wird zum Model in die "Botschaft zum Glück" wie Tochter Leonie in "Ein seltsames Horoskop". Der Vater debattiert in Expertenforen. Sohn Max verteilt Flyer in der Schüco-Arena bei der Stadion-Aktion vom F.A.N-Projekt.

Heute arbeitet Eva Steffens-Elsner beim Kerschensteiner Berufskolleg Bethel in Bielefeld.  Als Alphabetisierungspädagogin fördert sie Jugendliche im Lesen und Schreiben. Ein Vorbildprojekt, denn diese Schule hat nicht nur erkannt, was lese-schreibschwache Schüler bräuchten, sie hat es auch in die Tat umgesetzt. So kann Eva Steffens-Elsner diejenigen wieder andocken, die sonst ein Leben lang Außenseiter blieben. Jetzt werden sie nicht ausgesondert, nicht abgestempelt - wie sie damals.

Vielleicht sind es neben der Liebe zur Schrift auch die Brüche in der eigenen Biografie, die wach machen für die Nöte der anderen. Wir wissen nicht, was Kursleiterinnen und Kursleitern diese Kraft gibt, die es braucht, Jugendlichen und Erwachsenen das Lesen und Schreiben beizubringen. Eva Steffens-Elsner ist ein Beispiel, ein starkes Beispiel. Und es ist uns eine besondere Ehre, Sie, Frau Steffens-Elsner, stellvertretend für all diese engagierten Pädagoginnen und Pädagogen auszuzeichnen zur "Botschafterin für Alphabetisierung 2007".

Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert