Botschafterin 2004

Hanne Huntemann

 

Die Laudatio zur Ernennung von Hanne Huntemann zur Botschafterin für Alphabetisierung 2004

 

Sehr verehrte, liebe Frau Huntemann,

Madonna kennt jeder, Otto Rehhagel auch, und selbst die Mainzelmännchen aus dem ZDF sind bekannter als diese Hanne Huntemann, die heute hier in Berlin zur Botschafterin für Alphabetisierung ausgezeichnet wird.

Ausschlaggebend für diese Auszeichnung ist ihre Fernsehdokumentation "37° Im Chaos der Buchstaben- Lesen und Schreiben ein Problem." Eine Dokumentation zum Thema Analphabetismus in Deutschland? Machen andere doch auch! Medienalltag. Kein Grund zum Ehren und Feiern? Weit gefehlt!

Seit 25 Jahren arbeiten Alphabetisierungsexpertinnen und -experten mit Redakteuren aus Presse, Funk und Film zum Thema zusammen. Da lernt man den feinen Unterschied kennen.

Ein Anruf in meinem Büro: "Morgen machen wir eine Doku über Analphabetismus. Können Sie gegen 8.00 Uhr im Studio sein? Sie haben vier Minuten." Ein anderer Anruf einer der größten deutschen Zeitungen: "Haben Sie mal eine Blonde, hübsch anzusehen, so um die 25. Am besten eine, die gar nichts kann."

Und dann diese Hanne Huntemann. Sie recherchiert, sie tastet sich vor. Behutsam und voller Respekt drückt sie die Achtung vor ihren Hauptfiguren aus, die des Lesens und Schreibens nicht kundig sind. Sie reist kreuz und quer durch die Republik, besucht Alphabetisierungskurse und lernt die bewegenden Lebensgeschichten der Menschen ohne Schrift kennen. Immer wieder trifft sie sich mit ihnen und den Experten, führt ausführliche Gespräche, ist echt und empathisch beim Thema. Gemeinsam mit den Protagonisten ändert auch sie sich, beginnt, mit anderen Augen durch die Stadt zu gehen, erlebt bewusst die Unverzichtbarkeit von Schrift in unserer heutigen Welt. Und entsprechend kundig und bewegend ist dann schließlich ihre Dokumentation, die wegen ihrer herausragenden Qualität in diesem Jahr von drei anderen Sendern erneut ausgestrahlt worden ist.

Will man Hanne Huntemanns roten Faden ihrer Arbeit - ja vielleicht sogar ihres Lebens- beschreiben, dann gehört sicher ein Ideal dazu: Im Mittelpunkt der Mensch! Wäre Hanne Huntemann Ärztin geworden - Human-Medizin hat sie ja studiert -, hätte sie viele Menschen geheilt. Sich kümmern, sich sorgen, sich mit dem Gegenüber befassen, nach Auswegen suchen und Nöte lindern helfen, gerade das tut sie aber seit Jahren als Journalistin und Redakteurin. Und immer sind es die Grundfragen des Menschen, existentielle Lebenserfahrungen, die sie in ihren Dokumentationen und Reportagen aufgreift.

Mit ihrer Dokumentation "Im Chaos der Buchstaben" ist Hanne Huntemann ihrer Linie treu geblieben: Informieren und sensibilisieren, um einen Beitrag zu leisten zu sozialer Gerechtigkeit und ethischem Handeln in einer Gesellschaft. Auch das ist heilend. Gerade auch für funktionale Analphabeten.

Für Ihr Engagement, liebe Frau Huntemann, möchten wir Sie daher hier und heute zur Botschafterin für Alphabetisierung auszeichnen und Ihnen ganz herzlich danken.

 

Marion Döbert