Botschafter 2005

Herbert Ochs

 

Laudatio: Herr Herbert Ochs

Sehr geehrter, lieber Herr Ochs,

Wer Fernsehauftritte mitgemacht hat, weiß, dass das nicht mal eben wie ein Gang zum Bäcker ist. Man taucht ein in eine völlig fremde, künstliche Welt. Bei der Kleidung fängt es an: Bitte nichts Kariertes, nichts Weißes, nichts aus Seide und so weiter. Dann geht's in die Maske, und Schicht für Schicht legt sich über das Gesicht. Danach fummelt ein Mann am Rücken entlang. Das Mikro muss sein. Dann sitzt man da im Scheinwerferlicht und sagen soll man immer noch nicht ein einziges Wort, erst auf Befehl aber dann ganz natürlich.

Wer dies, Herr Ochs, überstanden hat und trotzdem spricht, über sich - als Stellvertreter für ganz viele, die ja auch nicht lesen und schreiben können, der ist ein Alltagsheld. Und wenn der sich - immer, immer wieder - den Medien stellt, den Stars und den Sternchen, dann ist das herausragend. Wer hat wie Sie, Herr Ochs, in einer Sendung mit Michael Steinbrecher oder Günther Jauch seine Position vertreten? Wer von den Menschen, die Probleme mit der Schrift haben, nimmt von sich aus Kontakt auf zu Zeitungen, um das Thema ans Tageslicht zu bringen? Wer wagt es wie Sie, seine Handynummer in den Zeitungsberichten anzugeben, damit andere Betroffene sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammenfinden könnten? Wer geht so mutig wie Sie, Herr Ochs, auf die Mitarbeiter des Arbeitsamtes zu, um über das Problem des Analphabetismus aufzuklären und finanzielle Unterstützung für den Besuch eines Lese- Schreibkurses zu bekommen? Sie haben es durchgesetzt. Sie haben die Kurs-gebühr und die Fahrtkosten erstattet bekommen. Alle möglichen Arbeiten haben Sie angenommen, um nicht arbeitslos zu sein, und Ihren Chefs haben Sie mutig und offen mitgeteilt, dass Sie Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Und weil man Ihnen keine ordentliche Arbeit angeboten hat, haben Sie auch jetzt wieder ihr Schicksal in die Hand genommen. Sie haben sich selbstständig gemacht mit einem Hausmeisterservice, und Sie haben Erfolg damit. Nun haben Sie sogar einen Mitarbeiter eingestellt.

Wer für die Sache funktionaler Analphabeten so eintritt wie Sie, Herr Ochs, wer sich nicht unterkriegen lässt und mutig in die Kameras der Medien und in die des Lebens guckt, der soll hier und jetzt aus voller Überzeugung zum Botschafter für Alphabetisierung ausgezeichnet werden. Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert