Botschafter 2007

 

Jürgen Boos

Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es gibt Menschen, bei denen schon als Kind eine Leidenschaft entsteht, die sich später wie ein roter Faden durch das ganze Leben zieht. Bei Picasso zum Beispiel waren es das Zeichnen, die Malerei, die Künste in all ihren Facetten. Seine Leidenschaft für die Kunst  entstand in einem Elternhaus, das durch einen malenden Vater und durch das Spielen zwischen Leinwand, Pinseln und Farben geprägt war. Durch Begegnung mit dem Vorbild und dem Material, durch Ausprobieren, Experimentieren und Ermunterung konnten eigene Fähigkeiten entdeckt und entwickelt werden. So entstand Faszination. Die Faszination, eigene kleine Welten erzeugen zu können. Welt mit zu gestalten. Zuvor aber bedurfte es der Anregung, einer anregenden Umgebung für das Kind.

Die fand Jürgen Boos an einem ganz besonderem Platz: der Stadtbibliothek. Hier war sein Lieblingsort, hier lernte er das Lesen. In der faszinierenden Welt der Bücher entdeckte er „Serafin und seine Wundermaschine“. Mit Serafin verschwand  die Enge des Alltags, mit ihm ging es bis in den Himmel hinauf, grenzenlos wurde die Kinderwelt. Mit dem Lesen wuchs die Phantasie: Zeitreisen wurden möglich, Visionen entstanden. So wurden eigene Welten geschöpft.

Da lag es nahe, die Begeisterung zum Beruf zu machen. Nach der Ausbildung zum Verlagsbuchhändler über Studium und  Verlagsmanagement wurde Jürgen Boos schließlich 2005  zum Direktor der Frankfurter Buchmesse ernannt. Ein König der Bücher? Nein, ein Mittler. Ein Werber für das Lesen, auch für die, die es nicht können.

Mit der "Frankfurt Book Fair Literacy Campaign", kurz LitCam, macht Jürgen Boos Platz auf der Buchmesse für die Belange von rund vier Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland.  2006 startet er erstmals zusammen mit  Partnern aus der Erwachsenen-Alphabetisierung eine nie da gewesene Bildungs- und Alphabetisierungskampagne im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.

Vor einem Jahr auf der zentralen Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag hat er hier in Berlin die LitCam vorgestellt.

Einen Monat später, bei der internationalen Auftaktveranstaltung unter der Schirmherrschaft des UN-Untersekretärs und indischen Autors Shashi Tharoor in Frankfurt, versammelt Boos alles, was Rang und Namen hat, von der niederländischen Prinzessin Laurentien bis zum Direktor des UNESCO-Institutes für Lebenslanges Lernen. Alphabetisierungsexperten aus Indien, Brasilien, Senegal, England und Deutschland diskutieren und informieren genau so wie die Lerner aus aller Welt, die die Schrift erst als Erwachsene für sich entdecken konnten.

Auch während der gesamten Messe gibt es Präsentationen, Foren und Aktionen, die sensibilisieren sollen für das Thema, die entstigmatisieren sollen und den Betroffenen Mut machen sollen zum Lesen und Schreiben lernen.

Auch die Prävention liegt Boos am Herzen: Mit Unterstützung der Aventis Foundation und dem F.A.N-Projekt des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung wird ein erstes lokales Förderprojekt für Kinder und Jugendliche aus problematischen Familien ins Leben gerufen. Über eine Kombination aus Lernförderung und aus professionellem Fußballtraining zusammen mit der Fußballschule der Eintracht Frankfurt  sollen Kinder nicht zuletzt zum Lesen ermuntert werden. Das im Rahmen der Buchmesse 2006 entstandene LitCam Projekt "Fußball trifft Kultur" wurde gerade frisch am 3. August als "Ort im Land der Ideen" ausgezeichnet.

Jürgen Boos hat ein Tabuthema in eine neue, breite und internationale Öffentlichkeit gebracht. Im Bündnis mit dem UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen und dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung stärkt er dadurch die Belange der Menschen, die bislang nicht die Welten der Wörter für sich entdecken durften.  Auch 2007 soll die internationale Alphabetisierungskampagne auf der Buchmesse in Frankfurt wieder ihren Platz finden.

Die Stadtbibliothek war sein Lieblingsort. "Serafin und die Wundermaschine" machten seine Welt größer und schöner. Jetzt trägt Jürgen Boos dazu bei, dass andere das Buch für sich entdecken können. Er wartet nicht auf eine Wundermaschine. Er selbst verändert und fördert das Ziel: „Bildung für Alle.“ Dafür gebührt ihm ein besonderer Dank, und wir freuen uns, Sie, Herr Boos, hier und heute zum Botschafter für Alphabetisierung 2007 auszeichnen zu dürfen.

Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert


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