Botschafter 2012

Jürgen Genuneit


Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren,


der Mann, der heute ebenfalls zum Botschafter für Alphabetisierung vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung ausgezeichnet wird, ist ein bescheidener Hanseat, der durchaus zögerte, als er im Jahre 2000 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, weil – so sein Kommentar – ein Hamburger eigentlich keine Orden annähme. Er hat es schließlich doch empfangen, und ich hoffe, dass er heute erneut unbescheiden bleibt.


In ihren Kindheitserinnerungen erzählt Hella Fahnenschreiber, die Zwillingsschwester des Auszuzeichnenden, von den Momenten vor der gemeinsamen Geburt: „Später sagte ich immer, ich hätte ihm erst einen Fußtritt geben müssen, sonst hätte er es nie geschafft.“ Diese Geburtshilfe hat offenbar bis heute noch Wirkung.


Jürgen Genuneit – von ihm ist hier die Rede – ist über viele Jahre hinweg ein Streiter für die Alphabetisierung in ganz besonderer Weise. Aufmerksam auf das Thema wurde er bereits in den 80er Jahren im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit beim Ernst Klett Verlag. Wenn man sagen würde, Jürgen Genuneit sei kein Alphabetisierer, da er niemals in einem Alphakurs unterrichtet habe, so ist das zwar richtig, aber dennoch grundfalsch, weil er auf eine andere Art und Weise enorm zum Gelingen eines guten Unterrichts beigetragen hat und noch beiträgt. Er sorgte beim Verlag nämlich für eine stattliche Anzahl von Büchern, die im Unterricht oder dessen fachlicher Begleitung eine wichtige Rolle spielen. Hinzu kamen Ausstellungen mit entsprechenden Vorträgen, öffentlichkeitswirksamen Auftritten als Marktschreier und Stadtschreiber, ja sogar Auftritten mit Körperbemalung, für die er allerdings Models wählte.
Es war schon etwas ganz Besonderes, wenn die Alphabetisierungsarbeit in Deutschland von einem Redakteur eines namhaften Schulbuchverlages äußerst sachkundig begleitet wurde, und wir Schreibwerkstättler empfanden es damals als eine Ehre, zu Veranstaltungen von und mit Jürgen Genuneit eingeladen zu werden, die übrigens stets mit einem genüsslichen Essen und intensiven Gesprächen ihren wunderbaren Abschluss fanden.


Sein Interesse an der Alphabetisierung geht weit über die inzwischen beendete Berufstätigkeit hinaus. So gehört er zu den Gründungsmitgliedern des Bundesverbandes und hat 14 Jahre lang als Vorstandsmitglied ehrenamtlich die Verbandsarbeit in vielerlei Hinsicht geprägt und begleitet. Seine redaktionellen Hinweise für unsere Veröffentlichungen, seine detaillierten Ratschläge bei vertraglichen und rechtlichen Angelegenheiten, seine Fähigkeiten, Netzwerke aufzubauen und zu benutzen, seine Kenntnisse der Alphabetisierungsgeschichte, seine kritischen, manchmal auch unbequemen, immer jedoch der Sache und vor allem deren Verbesserung dienenden Einwände, seine bildungspolitischen Äußerungen bei Tagungen, seine Workshops, seine Vorträge, seine Aufsätze: Aus allem spricht ein unentwegt mutiger, offener, umsichtiger und dem Fortbestand verpflichteter Geist, der rückwärts gewandt und für Gegenwärtiges interessiert den Blick stets nach vorne richtet, um die Arbeit in der Alphabetisierung zu verbessern und nachhaltig zu sichern.


Mit einem derart breitgefächerten Wissen hat Jürgen Genuneit über die Jahre hinweg Projektvorhaben beantragt, begleitet und als Pate betreut. 2003 organisierte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Annerose in deren Heimatstadt Bernburg die erste Fachtagung des Bundesverbandes – daher auch die danach benannten Bernburger Thesen. Besonders stark setzte er sich für das Projekt „Archiv und Dokumentationszentrum für Alphabetisierung und Grundbildung“ ein, dessen Fortbestand als einer der wichtigsten Einrichtungen für die Alphabetisierungsarbeit nach nur knapper Aufbauzeit leider immer noch ungewiss ist. Dort findet man übrigens auch ein ausführliches Interview mit dem Zeitzeugen Genuneit.


Gemeinsam mit seiner Ehefrau hält er immer noch regelmäßig Vorträge, beispielsweise über die Alphabetisierung im Alter, wobei er sicherlich nicht nur ältere Lernende sondern die inzwischen ebenfalls älter gewordenen Unterrichtenden ins Auge fasst. Besonderen Spaß bereitet ihm seine Ausstellung von Alphabetisierungsbriefmarken, bei der erneut deutlich wird, dass Jürgen Genuneit sich nicht nur auf das Lernen und Lehren beschränkt, sondern er berichtet auch über Filme, Musikstücke, Karikaturen, alte Stiche und Plakate. Nicht zuletzt sammelt er Alltagsgegenstände, auf denen Buchstaben und Alphabetisches abgebildet sind oder die indirekt mit dem Lesen und Schreiben zu tun haben, wie zum Beispiel Tintenfässchen.


Literarischen Texten widmet er sich mit besonderer Zuneigung. Immer wieder verblüfft er mit umfangreichen Aufsätzen in unserer Fachzeitschrift, in denen er uns eine Menge von Zitaten liefert, die die Schwierigkeiten des Lesen- und Schreibenlernens schildern. In früheren Jahren eröffnete er unsere Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen stets mit einer kleinen Lesung. Auf solche Weise hat er immer wieder auch auf das Ästhetische in der Alphabetisierung aufmerksam gemacht, und wir wünschen uns, dass dies noch lange anhält.


Lieber Jürgen, herzlichen Dank für alles! Ich glaube, Du wirst ein guter Botschafter sein; Du brauchst nur so weitermachen wie bisher. Du bist zwar etwas kleiner als ich, aber im Hinblick auf Dein bisheriges Lebenswerk werde ich immer zu Dir aufschauen. Wir alle hoffen, dass der zwillingsschwesterliche Fußtritt noch lange seine Wirkung haben möge!
Herzlichen Glückwunsch!

 

07. September 2012
Gerald Schöber

 

Dankesrede hier