Botschafter 2008

Marianne Moesle

Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Tunesien und das Allgäu scheinen wenig miteinander zu tun zu haben. Und doch kreuzen sich manchmal Wege, an die man nie gedacht hätte.

Sie wird 1960 im Allgäu geboren, macht Abitur und studiert Romanistik und Germanistik. Während ihres Studiums arbeitet sie entweder auf Bauernhöfen oder als Lehrerin in Frankreich. Sie reist –ja, vagabundiert nahezu- durch Länder, durch Kulturen, in ihren Gedanken, in ihren Worten und in ihren Werken. Sie genießt die Freiheit. Die Freiheit, die das Lernen und das Kennenlernen mit sich bringen. Und vor allem das Schreiben.

"Kann jemand im Ernst behaupten, dass Bügeln und Putzen schöner sei als schreiben?" fragen Sie in einer Ihrer Publikationen. Nein, Sie, Marianne Moesle, bevorzugen das Schreiben. Sie kennen und genießen "die Lust, eine Welt in Worten zu schaffen." Doch nicht als Luftikus. Denn Sie sorgen für vier Kinder, und als freie Journalistin haben Sie Unfreiheit bei anderen Menschen nie übersehen können.

Zum Beispiel die eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen mit Kindern, wenn es um Studium und Karriere geht. Oder "Trotz und Tränen" behinderter Menschen, die sich oft nicht so entfalten können wie sie es gerne wünschten, die sich fühlen wie "ein Mensch ohne Recht auf eigenes Kommen und Gehen." Sich selbst immer zurücknehmend schreiben Sie einfühlsam und doch stets klar positionierend, für "Die Zeit", "Geo", "Brigitte", "Chrismon", für den "Stern", die "Frankfurter Allgemeine", die "taz" und und….

Immer wieder sind es auch Bildungsthemen, die Sie ergreifen und journalistisch aufgreifen. Vom hochbegabten Kind, das ausgelacht wird, weil es in der Schule philosophische Fragen stellt, bis hin zur gesellschaftlichen Stigmatisierung von funktionalen Analphabeten.

Über viele Jahre haben Sie sich immer wieder mit dem Thema "Menschen ohne Schrift" beschäftigt. Eine große Reportage in "Die Zeit" war der Anfang. Dann nahmen Sie 2005 mit Unterstützung der Deutschen UNESCO-Kommission als Mitglied der deutschen Delegation an der mehrtägigen Europäischen Alphabetisierungskonferenz in Lyon teil.

Im selben Jahr erklärten Sie Ihre Bereitschaft, als Jurymitglied beim Schreibwettbewerb für funktionale Analphabeten "Wir schreiben" mitzuwirken. Einer der eingesandten Texte war die Geschichte "Mehr als eine Ehe" von einer Frau namens Esma. Sie waren beeindruckt von Esmas Geschichte.
Beim Weltalphabetisierungstag 2005 begegneten Sie sich zum ersten Mal während der Preisverleihung in Berlin.

Mit Esma Abdelhamid zusammen schrieben Sie als Schreibautorin das Buch "Löwenmutter". Dabei sahen Sie bekannte Bilder: Effi Briest, "ihre Verheiratung, der Auszug aus dem Elternhaus, die Antrittsbesuche, die Ängste, die ersten scheuen emanzipatorischen Schritte." Bilder aus der Literatur, die Ihnen deutlich machten, dass die deutsche Frauenemanzipationsgeschichte ja auch erst einmal gerade 100 Jahre alt ist.
Es gelang Ihnen, Marianne Moesle, - einmal wieder mehr- anhand einer individuellen Geschichte aufzuzeigen, wie wichtig Freiheit, Solidarität und Chancengerechtigkeit sind. Und vor allem: dass man sich all dies auch selbst erringen muss.

Liebe Marianne Moesle, mit Ihrer journalistischen Arbeit tragen Sie bei zu Reflexion, Bewusstwerdung, Ermutigung zum Handeln und zur Veränderung. Ich freue mich, Sie dafür hier und heute im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung als "Botschafterin für Alphabetisierung 2008" auszeichnen zu dürfen. Meinen herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert