Botschafter 2008

Marie-Luise Oswald

Laudatio

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

zum Glück sind ihr beim Servieren im Café öfter einmal die Torten oder das Tablett mit den Getränken hingefallen. In ihrem Geburtsort Bad Homburg nämlich erlernte sie den Beruf der Konditoreiverkäuferin -aber mit Widerwillen. Eigentlich hatte sie Säuglingsschwester werden wollen. Das Werden eines Menschen erleben und begleiten zu dürfen, das wäre ihr großes Glück gewesen.

Dieses Glück erreichte sie in ihrem Leben auch, aber viel später und ganz anders. Erst noch lernte sie Stenotypistin, arbeitete als Telefonistin.
1966 machte sie dann in Berlin das Abitur und studierte Diplom-Pädagogik. Im Studium kam die Wende: Eine Frau war in ihr Leben getreten. Sie konnte nicht lesen, vertuschte es erfolgreich. Bis der Druck nicht mehr auszuhalten war. Die Frau nahm sich das Leben. "Seitdem ist es mein Lebensplan, Analphabeten zu helfen", sagt Marie-Luise Oswald.

Diesen Lebensplan hat sie tatkräftig verwirklicht:
Sie unterrichtet Analphabeten an der Volkshochschule Berlin-Tiergarten, gründet
1977 mit anderen zusammen den "Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V." (AOB) in Berlin. Hier setzt sie sich ein für die Institutionalisierung der Alphabetisierung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie motiviert auch Lernende, für ihre Belange ans Licht der Öffentlichkeit zu gehen.

1980 erstellt sie - zusammen mit Horst-Manfred Müller-  eine der ersten Studien zur Alphabetisierung im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft.  Das Buch "Deutschsprachige Analphabeten. Lebensgeschichte und Lerninteressen von erwachsenen Analphabeten" entsteht.

1983 gründet sie mit anderen zusammen den Verein "Lesen und Schreiben e.V." und Marie-Luise Oswald wird die Geschäftsführerin des Vereins. Seit über zwanzig Jahren werden bei "Lesen und Schreiben e.V." im Norden des Berliner Stadtbezirks Neukölln funktionale Analphabeten alphabetisiert.
Doch Unterricht ist längst nicht alles, was sie auf die Beine stellt. Immer ist Marie-Luise Oswald auf der Suche nach Geld, für die Arbeit des Vereins und nach Arbeit für die Lernerinnen und Lerner, die immer mehr in die Arbeitslosigkeit geraten. Existenz- und Lebensberatung werden zu zentralen Aufgaben des Vereins.
1986 boxt sie Vollzeitlehrgänge durch. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Arbeitsamt erhalten arbeitlose Jugendliche und Erwachsene tagsüber Vollzeitunterricht mit Beihilfe zum Lebensunterhalt. Gelernt wird in den Praxisbereichen Reparaturtischlerei, Malerei, Raumausstattung und Hauswirtschaft. Die Lebenssituation der Lernenden wird erheblich verbessert und das über viele Jahre.

Dann trägt sich Marie-Luise Oswald mit dem Gedanken, eine Stiftung zu gründen. Sie sucht ein Grundstück, auch für Handwerksbetriebe, denn Praxis ist ihr wichtig. Arbeiten und Lernen, das gehört für sie zusammen. So wie damals in der "Analphabeten-Selbsthilfe Trödelei", ein Trödelladen, den sie 1982 mit anderen gegründet hatte. 5 Jahre lang eine wichtige Selbsthilfeeinrichtung für Menschen ohne Schrift.

Am 24. Februar 2007 wird Marie-Luise Oswald im Schloss Britz die Neuköllner Ehrennadel verliehen. Dies ist die höchste Auszeichnung des Bezirks an Bürgerinnen und Bürger, die sich um den Bezirk Neukölln verdient gemacht haben. Marie-Luise Oswald wird für ihr herausragendes ehrenamtliches Engagement geehrt, dafür, dass sie ihre Fähigkeiten und Kompetenzen anderen zur Verfügung gestellt und zur Stärkung der Gemeinschaft beigetragen hat.

Gibt es da noch mehr zu sagen? Liebe Marie-Luise Oswald. Wie gut, dass Sie das Bedienen nicht mochten, damals als Ihnen die Torten herunterfielen. So haben Sie anderen dienen können, die Ihre Hilfe viel nötiger brauchten. So konnten Sie doch das Werden von Menschen erleben und begleiten. Diese Neugeburt, die Menschen erleben, wenn sie zum ersten Mal lesen, wenn sie schreiben, lernen und arbeiten dürfen. Wenn ihre Not ein bisschen weniger wird. Dank Ihrer Arbeit und Ihrer Kraft.
Ich freue mich, Marie-Luise Oswald, Sie im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. hier und heute zur "Botschafterin für Alphabetisierung 2008" auszeichnen zu dürfen und gratuliere Ihnen aus ganzem Herzen. 

 

Marion Döbert