Prof. Dr. Iris Füssenich

 Laudatio

 

"Wer einmal mit dem Thema Analphabetismus/Alphabetisierung anfängt, den lässt es nicht wieder los", warnte sie einst eine Studentin, die ihre Abschlussarbeit über "Analphabetismus in Deutschland" bei ihr schreiben wollte. Die Rede ist von Professorin Dr. Iris Füssenich, die wir für ihr langjähriges Engagement in der Alphabetisierung auszeichnen. Dass einen das Thema "Analphabetismus/Alphabetisierung" nicht wieder loslässt, trifft auch auf sie selbst zu.
Bereits gleich nach ihrem Studium Ende der 1970er-Jahre gibt Iris Füssenich Alphabetisierungskurse für Erwachsene an zwei Volkshochschulen im Ruhrgebiet. 1987 kommt sie als Professorin für den Förderschwerpunkt Sprache und Kommunikation an die Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen. In Reutlingen setzt sie ihr Engagement für die Alphabetisierung fort, initiiert an der Volkshochschule Reutlingen Alphabetisierungskurse und begleitet diese wissenschaftlich. Zur Unterstützung der Kurse gründet sie zusammen mit der Volkshochschule und einem gemeinnützigen Verein eine Schreibstube. Hier werden Menschen mit Lese- und Schreibproblemen beraten, und im Anschluss daran wird ihnen ein Besuch eines Alphabetisierungskurses empfohlen.

1989 – ich (Jürgen Genuneit) war gerade dabei, im Ernst Klett Verlag ein Programm für Alphabetisierung und Grundbildung aufzubauen –  las ich ein Interview mit Iris Füssenich, in dem sie sich beklagte, dass es keine geeigneten Unterrichtsmaterialien für die Alphabetisierung Erwachsener gebe. Wir trafen uns zu einem Gespräch, das beinahe mit einer Kontroverse endete. Ich berichtete ihr von einem in Arbeit befindlichen Übungsbuch, in dem der Buchstabe J mit dem Wort "Jumbojet" eingeführt werden sollte. Ich fand das praktisch, weil in dem Wort das J sowohl in Groß- als auch in Kleinschreibung vorkommt. Sie hingegen hielt das Wort für völlig ungeeignet, da es nicht dem Lebens- und Erfahrungsbereich funktionaler Analphabeten entsprach. Das blieb die einzige ernsthafte Kontroverse zwischen uns beiden, denn ich merkte schnell, dass ich noch sehr viel zu lernen hatte. So wurde Iris Füssenich meine Mentorin und Beraterin, eine Tätigkeit aus der sich eine langjährige Freundschaft und ein langjähriges gemeinsames Engagement für die Alphabetisierung entwickelten.

Von jetzt an gibt es eine Vielzahl von Aktivitäten – besonders in der Öffentlichkeitsarbeit – die wir in Reutlingen ausprobierten, um sie dann auf das ganze Land zu übertragen. Hier einige wenige Beispiele:

- Einrichtung einer Lese-Ecke mit leicht zu lesenden Büchern in der Stadtbibliothek Reutlingen. Das Besondere dabei: In dem Regal standen auch Fachbücher, so dass Außenstehende nicht erkennen konnten, handelt es bei den Benutzern um Menschen mit Leseproblemen, um Studenten oder Kursleiterinnen. Das hat die Akzeptanz der Lese-Ecke bei den Betroffenen erleichtert.
- Mitternachtslesung von literarischen Texten zum Thema "Analphabetismus/Alphabetisierung" im Stadttheater Reutlingen mit professionellen Schauspielern
- Aktion "Öffentlicher Schreiber", bei der wie im Mittelalter Schreiber ihre Dienste anbieten, darunter auch eine Kalligrafin, die Texte in Schönschrift schrieb; das Ganze verknüpft mit Informationen zu Analphabetismus in Deutschland
- Demonstration von "Analphabeten" auf dem Kirchentag 1999 in Stuttgart mit dem doppeldeutigen Slogan "Gebt uns die Schrift!". Da sich damals noch keine Analphabeten in der Öffentlichkeit geoutet haben, hat Iris Füssenich zusammen mit einigen Studierenden, Mitarbeitern des Kultusministeriums und des Klett Verlags ihre Rolle eingenommen.

In Vorlesungen, Seminaren und eigenen Forschungen, mit Vorträgen und Ausstellungen sowie durch die Vergabe von Lehraufträgen brachte Iris Füssenich unermüdlich das Thema "Analphabetismus/Alphabetisierung" in die Pädagogische Hochschule ein. Dabei ging es ihr besonders um Ursachenforschung in Kita und Schule sowie um Prävention. Sie suchte dazu den Dialog zwischen Schule und Erwachsenenbildung. Das gelang ihr vor allem in den Bad Boller Fachtagungen zu Analphabetismus und Alphabetisierung, die sie von 1992 bis 2002 prägend mitgestaltete. Aufgrund ihrer Themenvorschläge im Bereich Prävention gelang es, viele Lehrerinnen und Lehrer als Tagungsteilnehmer zu gewinnen.

Darüber hinaus hat sich Iris Füssenich in der Organisation der Alphabetisierung engagiert. Sie hat die Gründung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung aktiv begleitet, war eine Zeitlang Mitherausgeberin des Alfa-Forums und Vorstandsmitglied. Als Vorstandsmitglied handelte sie übrigens Anfang der 2000er-Jahre den Sponsoring-Vertrag mit dem Ernst Klett Verlag aus, der heute noch Gültigkeit hat.

Auch außerhalb der Alphabetisierungsszene ist Iris Füssenich als engagierte Expertin anerkannt. So schreibt sie seit einiger Zeit Gutachten für Gerichte, wenn es dort um Analphabeten geht.

Wir sind sicher, dass wir in unserer Aufzählung vieles nicht erwähnt haben, was das Engagement von Iris Füssenich für die Alphabetisierung ausmacht. Die Zeit reicht einfach nicht aus. "28 Jahre Pädagogische Hochschule sind genug", sagte Iris Füssenich kürzlich aus Anlass ihrer Emeritierung. Iris, das mag für die Pädagogische Hochschule gelten, aber nicht für die Alphabetisierung, denn die lässt einen sein Leben lang nicht los, wie du selbst gesagt hast. Mögest du mit deinem Engagement uns darin weiterhin ein Vorbild sein. Dafür zeichnen wir dich hier und heute zur Botschafterin für Alphabetisierung und Grundbildung aus.

Annerose Genuneit, Alphabetisierungspädagogin

Jürgen Genuneit, ehemaliges Vorstandsmitglied Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.

Dankesworte von Frau Professorin Dr. Iris Füssenich an die Laudatoren