Die Botschafter

Prof. Dr. Rita Süßmuth

 

Die Laudatio zur Ernennung von Prof. Dr. Rita Suessmuth zur Botschafterin für Alphabetisierung 2004

Sehr verehrte, liebe Frau Dr. Süssmuth,


Ihre Kindheit stand unter dem Einfluss des zweiten Weltkrieges. Schulzeit und Jugend verlebten Sie im Deutschland der Nachkriegszeit, und auch die frühe Einbindung in familiäre Sorge um die Mutter und Verpflichtungen den kleineren Geschwistern gegenüber trugen dazu bei, dass Sie früh Verantwortung übernehmen und Belastungen standhalten mussten.

Geprägt war Ihre Kindheit und Jugendzeit aber auch davon, dass Bildung und Fragen des Glaubens eine wichtige Rolle in Ihrem Elternhause spielten. Diese Verbindung von intellektueller Schulung, Tatendrang und Übernahme von Verantwortung prägte Ihr ganzes Leben. Ihre Biographie zu lesen ist beeindruckend und überwältigend. Bei all Ihren politischen Erfolgen haben Sie aber eins nie aus dem Auge verloren: das Engagement für die benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft, für Frauen, AIDS-Kranke, Menschen ohne Arbeit, für die Belange von Zuwanderern.

An dieser Stelle sei jedoch besonders hervorgehoben, dass Sie seit 1988 als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes diejenigen Einrichtungen vertreten und unterstützen, die eine herausragende Rolle für die Alphabetisierung in Deutschland inne haben. 20.000 Menschen, erwachsene funktionale Analphabeten, erlernen an Volkshochschulen im Bundesgebiet in einem erneuten Anlauf- oft viele Jahre nach der Schulzeit - das Lesen und Schreiben.

Schon 1978 wurden die ersten Alphabetisierungskurse an Volkshochschulen eingerichtet. Damit blicken diese Weiterbildungseinrichtungen auf eine über 25-jährige Tradition in Sachen Alphabetisierung zurück.

Mt Ihrem persönlichen Engagement aber, Frau Dr. Süssmuth, haben Sie die Alphabetisierung als eine elementare Bedingung des lebenslangen Lernens und der gesellschaftlichen Integration neu akzentuiert.

Immer wieder haben Sie in Publikationen, bei Fachtagungen und im internationalen Kontext gefordert, dass für alle Bevölkerungsgruppen freie Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Weiterbildung geschaffen werden müssen. Sie haben damit das Leitbild einer "Education for All" auch in die bildungspolitische Diskussion um die Erwachsenenalphabetisierung  getragen.


Ein Beispiel:
Unter Ihrem Vorsitz - damals waren Sie noch Bundestagspräsidentin - hat 1997 die Fünfte Internationale Konferenz über Erwachsenenbildung (CONFINTEA V) unter dem Motto: "Lernen im Erwachsenenalter: Ein Schlüssel zum 21. Jahrhundert." stattgefunden. Unter ihrem Vorsitz, Frau Dr. Süssmuth, wurden zwei Schlüsseldokumente erarbeitet: die "Hamburger Deklaration zum Lernen im Erwachsenenalter" und die "Agenda für die Zukunft des Lernens im Erwachsenenalter".

Beide Dokumente haben das bildungspolitische Engagement in Sachen Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland in eine neue Richtung bewegt. Alphabetisierung und Grundbildung an Volkshochschulen wurden viel bewusster wahrgenommen und bekamen ein neues, ein positives Image. Die gesellschaftliche Bedeutung von Grundbildung wurde öffentlich und politisch bewusst. Viele Projekte wurden erst auf dem Hintergrund dieser beiden internationalen Dokumente möglich. Den Volkshochschulen, den Alphabetisierern und den funktionalen Analphabeten wurde endlich einmal kräftig der Rücken gestärkt.

Das, verehrte Frau Dr. Süssmuth, haben Sie in unzähligen öffentlichen Auftritten, Publikationen und Reden immer wieder getan. Auch den Zusammenhang mit der anzustrebenden Gleichberechtigung der Frau haben Sie herausgestellt. Wie sagten Sie es so treffend im Rahmen der Europäischen Regionalkonferenz 2002 in Sofia/ Bulgarien: "Die Frauen wurden gefährlich, als sie lesen lernten!"

1991 sprachen Sie von der Alphabetisierung als einer Daueraufgabe für die Volkshochschulen.Bis heute sind es die Volkshochschulen, die als Kompetenzzentren für Alphabetisierung und Grundbildung kontinuierlich und verlässlich für die Menschen vor Ort zur Verfügung stehen. Zwar noch immer nicht flächendeckend und nachfragegerecht, aber daran müssen wir noch arbeiten.

Zum Glück sind Sie, liebe Frau Dr. Süssmuth, in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Sie Lesen lernen und damit gefährlich werden durften. Auf Ihre Kompetenz, Kreativität und Gestaltungskraft konnte die Alphabetisierungsbewegung in Deutschland immer zählen. Dafür möchten wir Ihnen hier und heute ganz herzlich danken und Sie zur Botschafterin für Alphabetisierung auszeichnen.

 

Marion Döbert