Botschafter 2005

Selbsthilfegruppe Ludwigshafen

 

Laudatio: Selbsthilfegruppe Ludwigshafen

Selbsthilfegruppen für Analphabeten gibt es so gut wie gar nicht in Deutschland. Man geht zum Kurs und schnell wieder nach Hause; man hat ja mit sich selbst  zu tun. Doch das ist ganz anders in Ludwigshafen.
Seit langem gibt es dort an der VHS eine der aktivsten Selbsthilfegruppen Deutschlands, die nichts und niemanden scheut, um auf die Probleme von Analphabeten hinzuweisen und Betroffenen Mut zu machen, in Lese- und Schreibkurse zu gehen. Ich bräuchte den ganzen Abend, wollte ich die Fülle an Aktivitäten dieser Gruppe aufzählen, aber ein paar Beispiele seien genannt:

•    Unzählige Infostände und Aktionen in Fußgängerzonen, u.a. auch in Wien, um für die Kurse zu werben (österreichische Kursteilnehmer waren nicht dazu zu bewegen)
•    Beteiligung am Bücherfest der Stadt Ludwigshafen
•    Aufbau eines Leseclubs für erwachsene Neuleser in der Stadtbibliothek
•    Mitarbeit an einem mehrmonatigen Videoprojekt über die eigenen Lebensgeschichten (Drehbuchschreiben, Kameraarbeit, Regie, Vertonung usw.) mit anschließender Präsentation des Films in der Öffentlichkeit, Aussendung im Fernsehen, Präsentation des Films auch im Ausland
•    Unzählige Fernsehbeiträge und Live-Interviews im Radio bei den unterschiedlichsten öffentlichen und privaten Medienanstalten
•    Interviews und Berichte in unzähligen Zeitungsberichten und Journalen
•    Teilnahme an Seminaren, Diskussions- und Gesprächsrunden mit Lehramtsstudenten und Professoren an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Johann-Gutenberg-Universität Mainz
•    Auftritt in der Staatskanzlei Mainz, Begegnung mit dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck
•    Planung und Organisation eines Teilnehmertreffens am Bodensee
•    Zahlreiche Briefe an öffentliche Entscheidungsträger, sich für die Sache der Alphabetisierung zu engagieren
•    Auftritt im Rahmen der EXPO 2000 in Hannover
•    Auftritt im Rahmen der Leipziger Buchmesse
•    Öffentlichkeitswirksame Aktionen auf der Frankfurter Buchmesse seit 2001 bis heute, 2005 mit Präsentation im „Spiegel Bildungsforum" auf der Buchmesse
•    Infostand während der „Aktionswoche Europäisches Jahr der Sprachen"
•    Antrittsbesuch bei der neuen Oberbürgermeisterin Frau Dr. Lohse, um den Erhalt der Lese-Schreibkurse zu fordern
•    Mitarbeit an einer Langzeit-Fernsehdokumentation, August 2002 bis Januar 2003
•    Teilnahme an der Alphabetisierungs-Fachtagung in Bernburg, wo die Selbsthilfegruppe in einem internationalen Workshop vorgestellt wurde
•    2003 Einladung in die Niederlande und persönliche Begrüßung durch Prinzessin Laurentien
•    Mitarbeit bei der Erstellung der Drehbücher für die Fernsehfilme des BR-alpha und Assistenz bei den Dreharbeiten u.a. auch auf Schalke
•    Tour durch Süddeutschland mit dem Corso der Lichtgestalten mit Lese- und Schreibaktionen auf der Straße
•    Auftritt bei der Didacta, der Lernmesse in Stuttgart
•    Auftritt bei der Ehrenamtsmesse mit Stand und Aktionen

Dies ist ein Ausschnitt aus einer Fülle an öffentlichkeitswirksamen und engagierten Aktionen.  Hinter solchen Aktivitäten aber stehen konkrete Menschen. Drei von ihnen sollen hier und heute zu Botschaftern für Alphabetisierung ausgezeichnet werden. Drei, die schon immer mit dabei waren. Drei, die sich nicht haben entmutigen lassen. Drei, von denen jeder seine besonderen Schwerpunkte mit in die Arbeit der Gruppe eingebracht hat:

 

Herr Horst Uhrig

Sehr geehrter, lieber Horst Uhrig,

die Kindheit ist so kurz, haben wir vorhin gehört, aber sie kann auch eine lange, schreckliche Odyssee sein: zu Pflegeeltern, ins Heim, zur Mutter, ins Heim, zur Sonderschule und immer  so weiter, bis das Kind sich selbst nicht mehr verorten und finden kann. Erst später mit dem Tipp eines Arbeitskollegen, gelangten Sie in einen Kurs der VHS, um nach der Arbeit das Lesen und Schreiben zu lernen. Bei Böhringer sind Sie Zulieferer zur Produktion pharmazeutischer Erzeugnisse, und Ihr Chef schätzt Sie sehr. Er bewundert es, dass Sie lernen. Geoutet hatten Sie sich, als plötzlich in der Firma computergesteuerte Fahrzeuge eingesetzt wurden. Damals machte Ihnen das Angst. Heute sind Sie darin der Spezialist, und der Chef hat Sie gebeten, die Anderen in die neue Technologie einzuarbeiten. Aber auch im Kurs, in der Familie, im Freundeskreis sind Sie der Computerspezialist. Dank Ihrer Begeisterung für die Neuheiten der Telekommunikation verfügt die Selbsthilfegruppe Ludwigshafen über zwei perfekt ausgestattete Computer-Arbeitsplätze im Leseclub. Für den mobilen Einsatz im Alphabetisierungskurs organisieren Sie immer mal wieder Laptops, „damit", wie Sie sagen, „auch jene, die Angst vor dem Computer haben, so ganz nebenbei Vertrauen aufbauen können." Tatsächlich gelingt es ihnen immer wieder, andere Lerner für den PC zu begeistern. Und mit den Kollegen der Selbsthilfe-Organisation für Analphabeten in Holland kommunizieren Sie selbstverständlich per Video-Konferenz. Lieber Herr Uhrig, Ihre Kindheit war nicht durch Fürsorglichkeit geprägt. Ihr Leben nicht leicht. Wer aber wie Sie, es dennoch schafft, anderen Lernern mit Fürsorge zu begegnen, um deren Leben leichter zu machen, der wird verdient ausgezeichnet zum „Botschafter für Alphabetisierung". Herzlichen Glückwunsch!

 

Herr Karl Lehrer

Sehr geehrter, lieber Karl Lehrer,

als Jugendlicher wollten Sie freiwillig ins Heim, weil es Zuhause nicht mehr auszuhalten war. Probleme haben Sie immer begleitet in Ihrem Leben. Beruflich war es nie leicht, und auch heute noch suchen Sie Arbeit. Privat gab es viele Belastungen, aber auch eines der schönsten Geschenke, Ihren Sohn. Der hat vieles in Ihrem Leben verändert, denn gerade auch für ihn lernten Sie lesen und schreiben an der Volkshochschule Ludwigshafen. Auch für ihn machten Sie dann den Hauptschulabschluss, und gerade haben Sie die Ausbildung zum Lagerfacharbeiter mit Erfolg absolviert. Ihrem Sohn wollten Sie Vorbild sein und Sie lernen gemeinsam mit ihm. Sie lesen sich gegenseitig vor, Sie hören sich gegenseitig ab und üben zusammen. Ihr Sohn geht zur Realschule, und er ist stolz auf Sie und Ihr Engagement in der Öffentlichkeit.

In der Selbsthilfegruppe sind Sie der Ansprechpartner für alle Betroffenen mit Kindern. Ihre eigenen Erfahrungen haben Sie zum Experten gemacht, der empfiehlt: „Nehmt euch Zeit für die Kinder! Helft bei den Hausaufgaben! Macht keinen Druck. Hört zu, wenn sie von ihren Problemen sprechen. Die Kindheit ist so kurz. Die Zeit soll man sich nehmen."

Die freie Zeit bedingt durch Ihre Arbeitslosigkeit nutzen Sie als Mitglied der Selbsthilfegruppe, um in Haupt-, Sonder- und Berufsschulen für die Internet-Lernplattform „ich-will-schreiben-lernen.de" zu werben. Sie wollen Lehrer aufklären und Schüler ermutigen, noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen.

Seit langem sind Sie Anwalt der Menschen ohne Schrift. Die Auszeichnung heute gebührt Ihnen sehr. Ich freue mich, Sie, Herr Lehrer, zum „Botschafter für Alphabetisierung" auszuzeichnen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Herr Thorsten Böhler

Sehr geehrter, lieber Thorsten Böhler,

Sie haben sich selbst und die Anderen nie aufgegeben. Als erster aus dem Lese-Schreibkurs haben Sie den Entschluss gefasst, den Hauptschulabschluss nachzumachen. Es war nicht leicht, aber Sie haben es geschafft. Den Abschluss in der Tasche haben Sie ein rauschendes Fest gefeiert. Und gerade jetzt lernen Sie für das Longierzertifikat, das Sie für Ihre Arbeit auf dem Reiterhof der Kinderhilfe in Ludwigshafen gut gebrauchen können.

Bücher sind Ihr ständiger Begleiter. „Buch statt Handy" ist Ihre Devise. Sie lesen überall: in der Straßenbahn, im Bus, im Schwimmbad, in den Arbeitspausen. Kein Wunder, dass Sie der Mann für den Leseclub in den Räumen der Stadtbibliothek sind. Sie betreuen einmal wöchentlich diesen Leseclub für erwachsene Leseanfänger, planen Veranstaltungen in der Bibliothek, helfen auch manchmal, den Schritt zu tun in die große Bibliothek. Auf der Buchmesse suchen Sie immer nach geeigneten Sach- und Fachbüchern für erwachsene Leseanfänger und tragen Ihre Wünsche auch den Verlagen vor. Herr Böhler, ich freue mich, Sie hier und heute für Ihre Verdienste auszuzeichnen zum „Botschafter für Alphabetisierung". Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert