Botschafter 2009

Fernsehbeitrag: "Guten Abend/RTL West"

 

Tim-Thilo Fellmer 

 

Laudatio


Sehr geehrte Damen und Herren,


Tim-Thilo Fellmer wurde 1967 in Frankfurt geboren und lebt heute in Liederbach am Taunus.

Bereits in der Grundschule galt er als „Legastheniker“. Speziell gefördert wurde er aber nie, sondern vielmehr mitgezogen, so gut es eben ging. In der Schule litt er sehr unter seiner Schwäche. Häufig blieb er krank zu Hause, um sich dem täglichen Scheitern nicht aussetzen zu müssen. Wenn er in der Schule war, versuchte er sich als Klassenclown oder als Klassenrüpel wenigstens bei seinen Klassenkameraden etwas Anerkennung zu verschaffen.

Nach elf Schuljahren hatte er zwar den Hauptschulabschluss erreicht, konnte aber immer noch nicht richtig lesen und schreiben. Es gelang ihm trotzdem, eine Lehre zum Kraftfahrzeugmechaniker abzuschließen.
Er arbeitete aber nicht lange in diesem Beruf, sondern wandte sich sehr unterschiedlichen Tätigkeiten zu. Heute verdient er seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer.

Bei den meisten Tätigkeiten fühlte er sich durch seine fehlenden Lese- und Schreibfähigkeiten in seinen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Seine Fähigkeiten hatten sich nach Verlassen der Schule nicht verbessert, sondern eher nachgelassen. Lediglich fachspezifische Begriffe hatte er auswendig gelernt, um seine Lehrzeit zu überstehen.

Auch im privaten Bereich fühlte er sich ausgeschlossen. Die Angst, enttarnt zu werden, war sein ständiger Begleiter. Durch Kraftsport versuchte er nach außen Stärke zu signalisieren.
Wenn er ausging, kleidete er sich gut, um einen positiven Eindruck zu vermitteln. Aufgrund seines Auftretens weckte er häufig Erwartungen, die ihm zwar schmeichelten, aber auch die Angst vor Enttarnung vergrößerten.

Er litt zunehmend unter seinen Schwierigkeiten und meldete sich zum ersten Alphabetisierungskurs bei einer VHS an, dem viele Kurse und Einzelunterricht folgten.
13 Jahre lang investierte er sehr viel Geld in seine Bildung. Er lernte auch allein am Schreibtisch, am PC und er entdeckte für sich die Welt der Bücher. Er begann mit der alten Schullektüre, las aktuelle Unterhaltungsliteratur und themenbezogene Fachbücher.
Plötzlich konnte er sich eine Welt ohne Bücher überhaupt nicht mehr vorstellen. Der Wunsch, ein eigenes Buch zu schreiben, keimte auf, ein Buch über das „Anderssein“, wie Tim-Thilo Fellmer es nennt. Von der ersten Zeile seines Kinderbuches „Fuffi, der Wusel“ bis zur Fertigstellung dauerte es viereinhalb Jahre. Beim Schreiben und Korrigieren wurde er von einer befreundeten Lehrerin unterstützt.

Es ist ein Buch über die Angst.
Die Wusel Fuffi und Fauzi erfahren, dass die Dinge, vor denen sie große Angst haben, oft gar nicht so schlimm sind, wie man denkt. Man kann sie besiegen.
Und es ist ein Buch über die Freundschaft und das Vertrauen.
Kein Problem ist so schlimm, als dass man dem besten Freund nicht darüber erzählen könnte. Allein das macht das Problem bereits kleiner.

Tim-Thilo Fellmer brachte sein Kinderbuch 2004 im Eigenverlag heraus. Er scheute auch nicht davor zurück, vor einer großen Kinderschar daraus vorzulesen.
Es ist SEIN Text. Er kennt ihn, übte ihn und begeisterte die Kinder. Viele waren so begeistert, dass sie sein Buch sofort kaufen wollten. Das freute ihn. Doch die Medaille hatte eine Kehrseite: Die Kinder wünschten sich eine Widmung. Da war sie wieder – die Angst. Schreiben, wenn andere zusehen: für Jaqueline, für Jennifer, für Marcel, für Kevin, für Pascal, für die Stadtbibliothek, nach einer spannenden Lesung in der Pestalozzischule …
Schweißperlen, nasse, zittrige Hände.
Doch er bereitete sich auf das öffentliche Schreiben gut vor und konnte die Angst eingrenzen.
Es war das Telefonbuch, das er zur Hilfe nahm. Er übte Namen aller Art.

So wagte er auch den nächsten Schritt. Sein Buch stellte er auf der weltgrößten Buchmesse vor und sprach mit Verlegern, Autoren, Journalisten und Lesern. Es kostete Kraft, denn hier ging es nicht um die Liebe zum Buch, sondern ums knallharte Geschäft.

Auf der Buchmesse entdeckte er das ALFA-Mobil. Er kannte die Werbespots zum ALFA-Telefon aus dem Fernsehen und er fühlte sich magisch angezogen. Dort lernte er Menschen der Selbsthilfegruppe „Analphabeten Ludwigshafen“ kennen, die genau wie er erst als Erwachsene lesen und schreiben gelernt haben und jetzt als Botschafter für Alphabetisierung in die Öffentlichkeit gehen. Er war beeindruckt und  erkannte für sich, dass das auch SEIN Weg aus der Angst ist. Von diesem Zeitpunkt an nutzt er jede freie Minute, um anderen Menschen Mut zu machen und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, wie wichtig es ist, Menschen eine zweite Chance zu geben.

Die Selbsthilfegruppe „Analphabeten Ludwigshafen“ ist aber auch für ihn persönlich wichtig, denn dort fühlt er sich zu Hause und schöpft Kraft für seine zahlreichen Aktionen. Gemeinsam mit der Selbsthilfegruppe unterstützt er den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung regelmäßig auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Im letzten Jahr war sein Workshop „Rechtschreiben 6 und trotzdem Buchautor“, den er gemeinsam mit einem weiteren, 17-jährigen Autor durchführte, der erfolgreichste Workshop des Lehrerkongresses der Buchmesse Frankfurt. Die Buchmesse hat Herrn Fellmer gebeten diesen Workshop für Lehrer auch dieses Jahr wieder anzubieten. Ein ähnlicher Workshop während der Leipziger Buchmesse im März dieses Jahres hatte eine Einladung der sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung zur Folge.

Sein Gespräch mit Frau Professorin Dr. Rita Süssmuth in der Bundespressekonferenz in Berlin anlässlich des  Weltalphabetisierungstagestages im letzten Jahr und seine deutlichen Worte für die Notwendigkeit einer umfassenden finanziellen Förderung der Alphabetisierung  hatte eine Reihe von Einladungen zu öffentlichen Auftritten und Medienauftritten zur Folge.
Er wurde aufgefordert – stellvertretend für die 4 Millionen funktionale Analphabeten – seine Geschichte für das „Buch der Bildungsrepublik Deutschland“ aufzuschreiben. Ebenso bat man ihn um einen Beitrag für „Das große Lesebuch“ der Globalen Bildungskampagne. Auch im gerade erschienenen Jubiläums-Buch „Einfallsreichtum“ ist er neben Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, Marcel Reich-Ranicki, Ministerin Annette Schavan und anderen mit einem Beitrag zum Thema Bildung in Deutschland vertreten.

Weiterhin begeistert er mit seinen Lesungen Kinder und Jugendliche  und ermutigt  nicht nur diese, sondern auch deren Lehrer und Eltern. So schrieb ihm die Stadtbücherei Hofheim im Taunus:
„Die Kinder hatten viel Spaß an den Abenteuern und waren sehr interessiert an Ihrer persönlichen Geschichte.“
Seitens der Kulturgemeinde Kelkheim heißt das Feedback:
„Ihr fesselndes und spannendes Vorlesen bezog immer wieder die Kinder mit ein – und bannte auch deren Eltern. Eine Autorenlesung wie sie sein sollte.“

Bei der Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung in Bonn 2006 hatte er erstmalig einen Büchertisch. Dort bin ich Herrn Fellmer und Fuffi, dem Wusel, das erste Mal begegnet. Die erste Auflage des Buches ist ausverkauft. Ich konnte vor Kurzem auch nur noch ein Mängelexemplar erhalten.
Im Juni 2009 ist das Hörbuch zu „Fuffi der Wusel“ erschienen, das in Zusammenarbeit mit Patrick Hellmeck vom Hessischen Rundfunk entstanden ist.

Ausgehend von einer Begegnung am Stand des Bundesverbandes während der Buchmesse in Frankfurt 2008 engagiert sich Herr Fellmer mit Lesungen in dem interkulturellen Fußball- und Bildungsprojekt „Auf Ballhöhe“. Im April 2009 begleitete er im Rahmen des Projektes eine Jugendmannschaft nach Südafrika.
Über diese Reise schreibt er nun einen Text als erste Auftragsarbeit.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung dankt Ihnen, lieber Tim-Thilo Fellmer, sehr für Ihr Engagement und Ihre Öffentlichkeitsarbeit in der Alphabetisierung. Heute zeichnet Sie der Bundesverband als Botschafter für die Alphabetisierung aus.
Herzlichen Glückwunsch!    


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