Uwe Boldt

Laudatio

Lieber Herr Boldt,

der Spruch, „kannst du das mal eben machen?“, so liest man in einer großen Hamburger Tageszeitung, sei jahrelang Ihr ständiger Begleiter gewesen. Wer Sie kennt, Herr Boldt, und das sind auch hier einige, wird jedoch sofort bezeugen, dass eher das Gegenteil also „zupacken“ Ihr Lebensmotto ist.

Uwe Boldt ist neun Jahre in Hamburg zur Schule gegangen, ohne einmal sitzen zu bleiben, trotz seiner großen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. Irgendwann interessierte es die Lehrer nicht mehr, ob er mitkam oder nicht. Sie schoben ihn in die letzte Reihe und schrieben ins Zeugnis „versetzt aus pädagogischen Gründen“.

Sein Vater arbeitete im Hamburger Hafen, also fing er nach der Schule ebenfalls dort an, als Papierbote. Er brachte Frachtzettel von den Lagerschuppen zum Büro in der Speicherstadt. Mit den Jahren wurden die Lasten, die er transportieren sollte, immer größer und schwerer. Also erwarb er nach und nach die nötigen Qualifikationen, die ihm schließlich auch den Abschluss als Hafenfacharbeiter einbrachten. Diese Ausbildung wurde ihm auch ohne Hauptschulabschluss ermöglicht, weil man seine absolute Zuverlässigkeit und seine außerordentliche Einsatzbereitschaft schätzte. Er „packte eben an“. Jede neue Technik, ist für ihn eine freudige Herausforderung. Herr Boldt sagt über sich selbst, er ist ein praktischer Mensch. – Nicht lange nachdenken, sondern handeln, dann geht es ihm gut. Und vielen anderen übrigens auch, denn wer Hilfe braucht, kann auf ihn zählen.

Aber es gab auch immer wieder die anderen Momente, in denen seine Hände gebunden waren. In denen sie nicht zupacken wollten. Beim Papierkram hieß es dann: „Kannst du das mal eben machen?“ Als die Arbeit immer anspruchsvoller wurde im mittlerweile modernsten Containerumschlagplatz der Welt, nahm auch der „Papierkram“ zu. Jetzt musste er endlich auch das anpacken. Denn er liebt seine Arbeit in Schwindel erregender Höhe und ist stolz, im Hafen zu arbeiten.

In der Zeitung las er, dass anlässlich des jährlichen Theaterfestes in Lüneburg, wo er inzwischen mit seiner Frau Sabine und den Kindern lebte, das ALFA- Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung erwartet wurde. Gleich dort am Stand hatte er sein Einstiegsgespräch mit der Alphabetisierungsexpertin der VHS, Stefanie Voß-Freytag, und wie er selbst sagt: „Von da war dann der Weg in die VHS nicht mehr weit“. Er stieg sofort voll ein ins Lernen, eroberte sich auch mit Begeisterung die Internet-Lernplattform www.ich–will-lernen.de und fuhr bereits im ersten Jahr mit seinem Kurs zu einer der jährlichen Fachtagungen des Bundesverbandes. Das Zusammentreffen mit den aktiven Lernern, die dort ihre Öffentlichkeitsarbeit vorstellten, überzeugte ihn, sich ebenfalls für die Alphabetisierung stark zu machen. Er schloss sich dem neu gegründeten alphateam der VHS Hamburg an, beteiligte sich an ihren Aktivitäten vor Ort und überraschte seine Arbeitskollegen mit einem Outing im Fernsehen. Die Dreharbeiten liefen an seinem Arbeitsplatz offiziell unter dem Titel „gemeinsam stark“, tatsächlich aber erfuhren die Kollegen und natürlich auch sein gesamtes Umfeld von seinem täglichen Kampf mit den Buchstaben. Die positive Resonanz auf diese Reportage und die Unterstützung durch seine Familie ermutigte ihn weiterzumachen. Gemeinsam mit Bettina Lübs, seiner Tutorin aus dem Lernportal, bietet er seitdem Workshops bei Fachtagungen an, er spricht auf Podien, gibt Interviews und schreckt auch vor Aktivitäten im fremdsprachigen Ausland nicht zurück. Während eines europäischen Lerner-Workshops in Namur, in Belgien, 2010 überraschte er sich selbst mit einem ersten selbstverfassten Tagebuch und seine Frau mit einem ersten Liebesbrief zum Geburtstag.

Der Austausch mit aktiven Lernern aus acht europäischen Ländern beflügelte ihn, seine Aktivitäten noch stärker auszubauen. Er wollte nun nicht mehr nur auf Anfragen reagieren, sondern aktiv auf Verantwortliche zugehen und Betroffene direkt erreichen. Anpacken eben! Das Abwarten, ob mal vielleicht irgendwann irgendwas kommt, ist nicht seine Sache. Also absolvierte er gleich als einer der ersten die Qualifizierung „Lerner zu Experten“ zur Verbesserung seiner Präsentations- und Kommunikationstechniken und beteiligte sich danach auch intensiv an der Evaluation der Umsetzbarkeit der Übungen.

Als er im Betrieb für das Amt des kollegialen Beraters vorgeschlagen wurde,fühlte er sich geehrt und auch bereit, die entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen mitzumachen. Kaum im Amt, hatte er auch schon seine erste Beratung. Ein Kollege meldete sich nach einer Versetzung plötzlich auffällig häufig krank. Durch die Informationen von Herrn Boldt gut sensibilisiert, ahnten die Kollegen den Grund, und richtig: Der betreffende Arbeiter hatte Probleme mit dem Lesen und Schreiben, und Herr Boldt konnte ihm helfen.

Herr Boldt pflegt den Kontakt zu Medienvertretern und Akteuren, mit denen er bereits gearbeitet hat. Er weist auf relevante Termine hin, wie den Welttag des Buches oder den Weltalphabetisierungstag, damit sie regelmäßig über das Thema berichten. Er versucht Entscheidungsträger aus relevanten Institutionen für das Thema zu gewinnen und bietet sich an als Experte für Sensibilisierungsveranstaltungen aller Art. Ich möchte hier nur einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit aufzählen:

Am 27. August hatte er ein Gespräch bei der Hamburger Hafen und Logistik AG mit dem obersten Personalchef, einem Gewerkschaftsvertreter und dem Betriebsrat zu dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung im Unternehmen und zur Ansprache von Betroffenen. Herr Boldt hatte den obersten Betriebsrat angesprochen und den Bundestagsabgeordneten Herrn Dr. Ernst-Dieter Rossmann von der SPD angefragt, ob er mitkommen könnte. Was dieser dann auch gerne tat. Aber er ist nicht nur in Hamburg aktiv. Er unterstützt natürlich auch weiterhin die VHS Lüneburg bei allen Aktivitäten, so bei der Eröffnung des Comcafe´s für Lernende im Juli und selbstverständlich ist er, wie in jedem Jahr, Anfang September am Stand der VHS beim Theater-Lernfest, wo bei ihm alles anfing.

Von Montag bis Mittwoch in dieser Woche nahm er an der Abschluss- Tagung des EU-Projektes EUR- Alpha teil, präsentierte mit den anderen Lernern ihr Manifest auf der Bühne und eilte danach noch schnell zu einem Gespräch mit dem DGB Bildungswerk, um auch dort für die Unterstützung der Betroffenen in den Betrieben zu sprechen.

Heute ist er hier in Berlin in der Bundespressekonferenz aktiv und in zwei Wochen wieder mit einem Workshop auf der Fachtagung. Danach kommt die Buchmesse, wo der Bundesverband auf den Technik-Spezialisten mit den guten Ideen für die kritischen Momente nicht mehr verzichten kann usw.

Liebe Frau Boldt, auch Ihnen vielen Dank. Wie oft müssen Sie auf gemeinsame Stunden verzichten und wie oft schon waren Sie mittendrin. Bei unserer Fachtagung zum Thema Familie waren Sie mit auf dem Podium und auch gestern Abend waren Sie sofort bereit, bei den letzten Vorbereitungen zu helfen.

Dir, lieber Uwe, möchte ich ein herzliches Merci sagen für deinen mutigen Einsatz und für die Rettung aus mancher Zwangslage. Ich fühle mich sehr geehrt, dich heute im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. zum „Botschafter für Alphabetisierung 2012“ auszuzeichnen.

Herzlichen Glückwunsch!

Elfriede Haller,
Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung