Verein Lesen und Schreiben e. V.

 

Laudatio

  

Mein erstes Mal

ich bin zum ersten Mal...

...mit einem ICE gefahren
...auf einer Tagung gewesen
...mit einer Gruppe unterwegs gewesen

 

ich bin zum ersten Mal...
...so mutig gewesen

 

Ich habe zum ersten Mal....

...in einem Hotel übernachtet
...vor Fremden vorgelesen
...ein Interview geführt
...fotografiert
...ein Aufnahmegerät bedient
...auf einer Bühne gestanden
...einen Text für einen Workshop geschrieben
...an einem Workshop teilgenommen
...mich getraut in ein Mikro zu sprechen

 

Ich habe zum ersten  Mal

...anderen über unseren Verein erzählt
...mit Fachleuten geredet
...zu mir gestanden
...mich selbst richtig wahrgenommen
...mit Fremden über meine Schwierigkeiten gesprochen
...gemerkt, dass es so viele von uns gibt
...festgestellt, dass uns so viele Menschen unterstützen
...so eine Offenheit gespürt
...so etwas erlebt

 

Das schreiben

Andreas, D., Enrico, Jetta, Lilly, Mike, Peter, Petra, die zwei Siggis, Tina und Youssef in ihrer Broschüre über ihre Teilnahme an der Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung 2012 in Bad Wildungen, unterstützt wurden sie von Marion, die leider nicht mitfahren konnte, aber dafür heute hier sein kann.

Sie alle und Kay, der heute hierherkommen ist, sind Lernerinnen und Lerner im Verein Lesen und Schreiben hier in Berlin - Neu-Kölln und ihre Broschüre heißt „Wir reden mit“!


Ja, sie reden mit und das seit 30 Jahren.

 

1983 wurde der Verein Lesen und Schreiben von Betroffenen und ihren Unterstützern aus einer Selbsthilfe-Initiative heraus gegründet.

Seitdem entwickeln Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen und Ehrenamtliche gemeinsam mit den Betroffenen immer wieder neue Methoden und Angebote, um funktionalen Analphabeten einen aktiven Zugang zum lebenslangen Lernen zu ermöglichen.

Teilhabe ist ein Schlagwort in der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit, bei Lesen und Schreiben ist sie gelebte Praxis.
Der Verein Lesen und Schreiben bietet ideale Bedingungen, um Teilhabe im geschützten Rahmen zu ermöglichen.

Er ist auf ganztägige Angebote spezialisiert, 40 Stunden in der Woche, in denen Alphabetisierung und Grundbildung mit praktischer Arbeit kombiniert und sozialpädagogisch begleitet werden.

Das erklärte Ziel des Vereins  ist es, die Schriftsprachkompetenz auszubauen, aber auch alltagspraktische und arbeitsweltorientierte Kenntnisse zu erweitern und dadurch das Selbstvertrauen der Lernenden zu stärken, damit sie zunehmend eigenverantwortlich und selbstständig handeln können.

Individuelle Förderung heißt dabei Förderung der Selbstbestimmung von Anfang an. Die Lernenden bestimmen selbst wann sie Rechtschreibregeln üben, und ob es mit dem Stift oder am Computer passiert, sie bestimmen selbst wann sie in der Holzwerkstatt Maße berechnen, im Garten Beete anlegen oder in der Küche Rezepte ausprobieren.

 

Die Lernenden reden mit beim Erstellen von Unterrichtsmaterialien, die nicht nur in Berlin angewendet werden.

 

Sie reden mit:
als Gäste auf dem Podium bei Veranstaltungen, z.B. mit Mitarbeitern der Senatsverwaltung Berlin und des Bildungsministeriums Brandenburg oder ganz aktuell bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung am 5.9.hier in Berlin

 

Sie reden mit:
als Lerner-Experten bei Informationsveranstaltungen im JobCenter,  bei Unternehmervereinigungen, bei Ortsgruppen politischer Parteien, in Ausschüssen, in Beratungsstellen usw...


Seit diesem Jahr reden sie auch mit:

    -  am Runden Tisch zur Alphabetisierung und Grundbildung
    und
    -  beim Alpha-Bündnis Neu-Kölln.
       Zur besseren Vor- und Nachbereitung dieser Plenumstreffen
       gründeten sie eine eigene Arbeitsgemeinschaft – die AG Teilhabe -
       und sie besuchen jetzt auch alle anderen AGs im Bündnis, um noch 
       effizienter mitarbeiten zu können. Das neue Güte-Siegel des 
       Bündnisses, der Alpha-Kompetenz-Aufkleber, der am 4.9. erstmals 
       verliehen wurde, haben sie in ihrer AG mitgestaltet.

 

Sie reden mit, um die Alphabetisierungsmaßnahmen mit ihrem „Expertenwissen von innen heraus“ voranzubringen. Selbstbewusst klären sie auf über Ursachen und Probleme des funktionalen Analphabetismus, verdeutlichen wie sehr es sich lohnt in sie zu investieren und dass erfolgreiches Nachholen von Grundbildung und ein positiver Einstieg in lebenslanges Lernen möglich ist.

Bei ihren Aktivitäten für die Sache werden die Lernenden durch ihre Lernbegleiter im Team genauso individuell gefördert wie beim Lernen.

Wer nicht gerne redet oder laut diskutiert, schreibt seine Geschichte auf in der Schreibwerkstatt und veröffentlicht sie in der eigenen Zeitung, in eigenen Büchern oder bei Lesungen. Wie beim Kulturfestival 48Stunden Neu-Köln, wo Lernende regelmäßig lesen - an äußerst ungewöhnlichen Orten, auch mal auf einem Parkdeck.

 

Andere Lerner stehen für Interview-Anfragen von Medien oder für wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung oder sie beteiligen sich an spektakulären Aktionen zum Weltalphatag vor der Humbold Universität, vorm Brandenburger Tor oder vorm Abgeordnetenhaus.

 

Welche Bedeutung die Lernangebote für die Betroffenen haben, zeigt sich in dem Engagement der vielen Ehemaligen, die oft über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg den Kontakt zum Verein halten.

Sie kämpfen mit den Lernbegleitern Bianka, Claire, Eva, Ingan, Therese, Ulrike, Urda und weiteren Ehrenamtlichen für stabile Strukturen, eine gesicherte Finanzierung und für den Ausbau der Angebote.
 
Und sie engagieren sich ehrenamtlich als Lernbegleiter in den Anfängergruppen, begleiten Lernende privat bei Ämtergängen und bieten allgemeine Unterstützung im Alltag. Zur besseren Strukturierung ihrer Aktivitäten und als Anlaufstelle nach Ablauf der Maßnahme gründeten sie nun eine erste Selbsthilfegruppe in Berlin.


Ich könnte die Aufzählung der Aktivitäten noch endlos weiterführen, möchte mich jetzt aber den sehr deutlichen Worten von Karl anschließen, einem Lerner aus Ludwigshafen, den ihr für eure Broschüre interviewt habt:

„So was gehört noch mehr unterstützt. Ihr in Neu-Kölln macht wirklich gute Arbeit! Respekt!“

Ich freue mich sehr den Verein Lesen und Schreiben im Namen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V.  für seine besondere Arbeit mit den Lernenden als Botschafter für Alphabetisierung und Grundbildung 2013 auszuzeichnen und bitte jetzt stellvertretend für das Team, zwei Gründungsmitglieder der neuen Selbsthilfegruppe Frau Peggy Gaedecke und Herr Peter Neumicke nach vorne zu kommen.

 

09.09.2013
Elfriede Haller, Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V.