Botschafter 2006

Werner Reuß

Laudatio: Herr Werner Reuß

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

sicher erinnern Sie sich an das berühmte Lackmuspapier. Dieses Papier diente im Chemieunterricht dazu, etwas nachzuweisen. Entweder färbte es sich rot oder blau. Aber warum eigentlich? Auch die "Kurvendiskussion" ist Ihnen sicher ein vertrauter Begriff. Doch können Sie noch immer den Graphen einer Funktion auf Nullstellen, Hoch- und Tiefpunkte oder das Verhalten im Unendlichen berechnen? Oder bilden Sie lieber das Plusquamperfekt, Passiv, Konjunktiv, 3. Person Singular, Neutrum von "lesen" auf Latein? Wenn ich Sie jetzt nach vorne bitte, um diese Fertigkeiten aus der Schulzeit noch einmal zu erproben, dann beginnen Sie sicherlich unauffällig aus dem Fenster zu schauen, Ihre Nägel zu betrachten oder etwas in den Taschen zu suchen. Bildung bereichert und kann zu hohem gesellschaftlichen Ansehen führen. Bildung ist aber genauso sehr ein Indikator für soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung. Deshalb haben wir Angst, vor anderen getestet zu werden. Die Kurvendiskussionen oder das Plusquamperfekt würde ihnen niemand verübeln. Aber wenn Sie nicht lesen und schreiben können, dann sind Sie verloren.

 

Sie, Herr Reuß, haben in einem behüteten sozialen Netzwerk das Lesen gelernt. Da war die Mutter, da waren die sechs Geschwister und „Tante Inge“ im Kindergarten, die Ihnen den Weg eröffneten zum "Struwwelpeter", dem "Räuber Hotzenplotz" oder zu "Tim und Struppi". Sie hatten eine reibungslose schulische Karriere, beendeten Ihre Studien "mit Auszeichnung" und stiegen beruflich immer höher. Sie erhielten den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Sonderpreis. Der Umgang mit Berühmtheiten wurde, wie z. B. in der Sendung "alpha-forum", für Sie zum Alltag. Seit acht Jahren nun leiten Sie den Bildungssender "BR-alpha". Bildungsfernsehen richtet sich fast immer an die ohnehin mit Bildung gut versorgten Menschen. Sie, Herr Reuß, haben jedoch dafür gesorgt, dass Bildungsfernsehen auch für die Menschen gemacht wird, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens und der Bildung stehen. Sie wollen und machen Bildungsfernsehen auch für die, die kein geschütztes soziales Netz hatten, die gescheitert sind beim Lernen in der Schule, im Beruf, weil sie nicht lesen und schreiben können und sich immer wieder blamieren.

 

Die sechsteilige Doku-Soap "Das Kreuz mit der Schrift" beruht auf authentischen Schicksalen von Analphabeten. Zum ersten Mal wird in einer Bildungs-Fernsehserie gezeigt, welche Probleme Menschen ohne Schrift in ihrem Alltag bewältigen müssen - und das nicht aus Sensationsgier, sondern um aufzuklären und zu helfen. So ist die Serie eingebettet in ein Netzwerk zwischen dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. mit seinem F.A.N.-Projekt, dem Deutschen Volkshochschul-Verband mit seinem Projekt "Portal Zweite Chance Online" und den Alphabetisierungskursen in Deutschland. Ein solches mediales Informations-, Beratungs- und Lernnetzwerk hat es bislang im Bereich des Bildungsfernsehens nicht gegeben. Die Fernsehserie informiert die Öffentlichkeit. Sie gibt den Problemen der Betroffenen einen öffentlichen Raum, ermutigt sie zum Kursbesuch und trägt dazu bei, dass der Psychothriller der alltäglichen Angst und Scham beendet wird. Derzeit bereiten Sie, Herr Reuß, im bewährten Verbund von Film, Unterrichtsbüchern, Online-Lernmodulen und Beratungsinfrastruktur neue Filme vor. Diesmal zur Grundbildung. Sie verhandeln mit Ministerien, motivieren Kooperationspartner und begeistern Ihre eigenen Mitarbeiter und das Publikum für das Thema, wie z. B. letztes Jahr im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Bildungsbenachteiligung als gesellschaftlich bedeutsames Medienthema ist keine Eintagsfliege für Sie.

 

So wie Sie früher im Verbund mit sechs Geschwistern soziale Verantwortung lernten, aber auch an sich erfahren durften, so übernehmen Sie heute in Ihrem Beruf soziale Verantwortung für diejenigen, die sonst keine Stimme hätten. Dafür danken wir Ihnen, auch im Namen der Betroffenen, und möchten Sie, Herr Reuß, hier und heute zum Botschafter für Alphabetisierung 2006 auszeichnen.

 

Herzlichen Glückwunsch!

 

Marion Döbert