10.09.2007 14:05 Uhr

Veranstaltungen in Berlin zum Weltalphabetisierungstag

In Berlin wurde der UN-Weltalphabetisierungstag gleich zwei Mal gefeiert. Am Vormittag des 7. September, einen Tag vor dem Weltalphabetisierungstag, luden der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und der Deutsche Volkshochschul-Verband in die Bundespressekonferenz ein. Am Abend stellte das Hôtel Concorde Berlin dann den feierlichen und luxuriösen Rahmen für die Auszeichnung der Sieger des diesjährigen Schreibwettbewerbs "wir schreiben".

 

Bundespressekonferenz
Etwa 100 Besucher, darunter Vertreter aus Politik und Bildung, nahmen an der zentralen Veranstaltung zum UN-Weltalphabetisierungstag in Berlin teil, feierten Erreichtes und diskutierten über nötige Maßnahmen, um dem funktionalen Analphabetismus bei Erwachsenen in Deutschland wirkungsvoll zu begegnen. Ein Höhepunkt der Veranstaltung war die feierliche Auszeichnung der „Botschafter für Alphabetisierung 2007“.

„Wenn wir als eine Gesellschaft mündiger Bürger bestehen wollen, dann müssen wir auch alle in die Lage zu dieser Mündigkeit versetzen. Wir müssen aufpassen, dass in Hinblick auf Bildungsvoraussetzungen in unserem Land keine Drei-Klassen-Gesellschaft entsteht.“ Mit diesen Worten eröffnete der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Andreas Storm die diesjährige Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag in der Bundespressekonferenz. In seiner Rede stellte er das 30-Millionen-Euro-Förderprogramm vom BMBF zur Alphabetisierung vor. So werden u.a. Projekte durchgeführt, die die Chancen für (junge) Erwachsene mit geringer Grundbildung am Arbeitsmarkt erhöhen. Storm unterstrich in seiner Rede: „Wir meinen es ernst mit einem Beitrag des Bundes zur Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus und haben in den letzten Jahren die Fördermittel deutlich erhöht.“ Gleichzeitig mahnte er, dass auch andere Akteure wie die Bundesländer und die Wirtschaft sich stärker für die Alphabetisierung einsetzen müssten. Insgesamt hat das Bundesministerium aus 45 eingereichten Antragsskizzen 27 Forschungsverbünde zur Einreichung formaler Anträge aufgefordert, darunter zahlreiche Universitäten, öffentliche und private Weiterbildungsträger und Betriebe. Im Herbst werden die ersten Verbünde die Arbeit aufnehmen.

 

"Wir müssen aufpassen, dass in Hinblick auf Bildungsvoraussetzungen in unserem Land keine Drei-Klassen-Gesellschaft entsteht.“ Parlamentarischer Staatssekretär BMBF Andreas Storm

 

Ein BMBF gefördertes Projekt zur Alphabetisierung ist das E-Learning-Portal „ich-will-lernen.de“, das vom Deutschen Volkshochschul-Verband e.V. durchgeführt wird. Das erfolgreiche Portal bietet kostenfreie, anonyme Online-Kurse zum Lesen und Schreiben Lernen und wird um das Grundbildungsangebot Rechnen erweitert. Es folgen die Lernbereiche Englisch sowie Übungen zum berufsbezogenen Lernen. „Mit den neuen Lernbereichen und dem weiteren Ausbau des Lernportals verstärkt der DVV sein Grundbildungsengagement“, betonte die stellvertretende DVV-Direktorin Gundula Frieling.

 

Podiumsdiskussion

Dr. Jens Korfkamp, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, wies dabei auf die Widersprüchlichkeit des bildungspolitischen Diskurses in Deutschland hin. So werde zwar stets von der wachsenden Bedeutung des lebenslangen Lernens, von Bildung als wichtigster Ressource eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland gesprochen. Gleichzeitig würden jedoch die Mittel für Erwachsenenbildung permanent gekürzt. Allein in NRW seien zuletzt die Mittel für die Volkshochschulen um ein Drittel gekappt worden.  "Wenn Sie als Volkshochschulleiter dann gezwungen sind, ihre Kosten massiv zu reduzieren, stehen Alphabetisierungskurse ganz oben auf der Streichliste, denn diese sind vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, katastrophal", erklärte Korfkamp.

Norbert Hocke vom Vorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft  pflichtete dieser Einschätzung bei und machte deutlich, dass dem Engagement des Bundes für die Alphabetisierung, welches sich zahlreichen Fördermaßnahmen von Projekten abbildet, ein Mangel an Unterfütterung mit entsprechenden nachhaltigen Angeboten in Form von Kursen vor Ort gegenüberstünde. Auch sei eine Professionalisierung des Bereichs dringend angezeigt, ebenso wie eine adäquate Bezahlung.

Mit Blick auf die Prävention von Analphabetismus forderte Korfkamp ein Pflichtmodul "Alphabetisierung" im Rahmen der Lehrerausbildung, da die Lese- und Schreibschwierigkeiten früh beginnen und entsprechend erkannt und diesen begegnet werden müsse.

Gerade durch die Bemühungen des seit zehn Jahre bestehenden und immer noch ehrenamtlich arbeitenden Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung sei viel erreicht worden. Jedoch werde das Problem "Analphabetismus" in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, nicht ausreichend ernst genommen, betonte Maren Elfert vom UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen. So habe nahezu jedes europäische Land, das - wie Deutschland - an der OECD-Vergleichsstudie zur Lesefähigkeit Erwachsene (International Adult Literacy Survey) teilgenommen hatte, Konsequenzen gezogen, Studien zur Erhebung von Analphabetismus in Auftrag gegeben, Forschungsinstitute gegründet, nationale Alphabetisierungsagenturen eingerichtet, die die Alphabetisierungsarbeit koordinierten, massive Öffentlichkeitskampagnen gestartet, die Professionalisierung von Kursleitern vorangetrieben u.v.m. England investiert im Rahmen des Grundbildungsprogramms "Skills for Life" im Zeitraum von 2001 bis 2006 allein knapp 5,5 Milliarden Euro in Grundbildung Grafik und habe im Bildungsministerium eine eigene Abteilung für Grundbildung eingerichtet.
(Quelle: reticon.de)

 

Botschafter für Alphabetisierung 2007

Zum abschließenden Höhepunkt zeichnete der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. die „Botschafter für Alphabetisierung 2007“ aus. In bewegenden Laudationes ehrte Vorstandsmitglied Marion Döbert Akteure, die sich durch besonderes Engagement für die Belange von Erwachsenen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten auszeichnen:„Vielleicht ist es die Liebe zur Literatur und den schönen Schriften, die rund 2000 Kursleiterinnen und Kursleiter dazu bewegt, Erwachsenen das Lesen und das Schreiben zu vermitteln?“ Die Kursleiterin Eva Steffen-Elsner nahm die Auszeichnung sichtlich gerührt entgegen. Die Dankesrede finden Sie hier.
Der Direktor der Frankfurter Buchmesse Jürgen Boos wurde für die internationale Kampagne „litcam“ ausgezeichnet. Er betonte in seiner Rede, dass es für die Buchmesse eine Selbstverständlichkeit ist, sich für die Alphabetisierung zu engagieren. Er bekräftigte den Stellenwert der Schrift: „Lesen und Schreiben sind wichtige Voraussetzungen, um an Demokratie teilzunehmen und seinen persönlichen Horizont zu erweitern.“ Auch in Zukunft möchte er mit der Frankfurter Buchmesse Sprachrohr für Lese- und Schreibunkundige sein.
Als dritter Botschafter wurde Carsten Colmorgen geehrt. In ihrer Laudatio sagte Döbert: „Sie Herr Colmorgen haben gezeigt, dass Alphabetisierung und l´art de vivre zusammen gehören. Bei den Veranstaltungen zur Alphabetisierung in dem Berliner Luxushotel trafen funktionale Analphabeten und prominente SchauspielerInnen zusammen, um die Öffentlichkeit auf originelle und charmante Weise auf die Thematik hinzuweisen.“

 

Die "Botschafter für Alphabetisierung 2007": (v.l.n.r.) Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Eva Steffens-Elsner, Kursleiterin, Carsten Colmorgen, Direktor des Berliner Hotels Concorde und  Marion Döbert, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung


Lesung im Hôtel Concorde Berlin
Feierlich wurde es am Abend im Hôtel Concorde Berlin. Das Berliner Luxushotel stellte den Rahmen für die Auszeichnung des diesjährigen Schreibwettbewerbs "wir schreiben". Schauspielerin Julia Malik, bekannt aus der Serie "Verliebt in Berlin", gab die Gedichte und Geschichten der Teilnehmer aus VHS-Alphabetisierungskursen in einer Lesung wieder.

Die Mitglieder der Jury trafen ihre Auswahl unter mehr als 250 Beiträgen. Seit Beginn des Wettbewerbs, den der Deutsche Volkshochschul-Verband seit 2004 gemeinsam mit dem Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung jährlich ausrichtet, wurden rund 1100 Beiträge eingereicht. Teilnehmer von Alphabetisierungskursen waren aufgefordert, ihre selbstverfassten Geschichten und Gedichte erstmals der Öffentlichkeit vorzustellen.

Den ersten Platz belegt Autorin Murietta mit ihrem Text "Mein Leben war wie die vier Jahreszeiten". Sie erzählt von den Anstrengungen eines Menschen, der sich auf den Weg macht, Lesen und Schreiben zu lernen. Kursteilnehmerin Anja wurde für ihren Text "Wo war ich die ganzen Jahre?" mit dem zweiten Platz ausgezeichnet. Den dritten Platz belegt Anke mit ihrem Beitrag "Schau, siehst du dort das Schwanenpaar..." Das Autoren-Quartett Peter, Frank, Andreas und Klaus erhielt den Sonderpreis für ihren Text in der Form von "Elfchen", Gedichten mit elf Wörtern.

 

v.l.n.r.: Kursteilnehmerin Anja (2. Platz), Schauspielerin Julia Malik, Murietta (1. Platz)


Am Buffet kam man anschließend mit den Gewinnern des Literaturwettbewerbs, den Botschaftern für Alphabetisierung 2007, Lernenden aus Lese- und Schreibkursen und Vertretern aus Bildung und Politik ins Gespräch.